Die zeitgemäße selektive Entwurmung
Die klassische strategische Entwurmung hat über viele Jahrzehnte dazu beigetragen, die gesundheitlichen Folgen starker Verwurmungen deutlich zu reduzieren. Mit zunehmendem Wissen über Parasiten und verbesserten Diagnosemöglichkeiten entstand jedoch der Wunsch, Entwurmungen gezielter einzusetzen. Gleichzeitig rückte die Frage in den Vordergrund, wie sich die Entwicklung von Resistenzen gegen Entwurmungsmittel verlangsamen lässt.
Aus diesen Überlegungen entstand die zeitgemäße selektive Entwurmung. Sie ersetzt die Entwurmung nicht, sondern ergänzt sie um eine gezielte Diagnostik. Ziel ist es, krankmachende Wurmbelastungen zuverlässig zu erkennen und zu behandeln, gleichzeitig aber unnötige Medikamentengaben zu vermeiden und einen besseren Überblick über die Wurmsituation im Bestand zu erhalten.
Die Grundidee der selektiven Entwurmung
Im Gegensatz zur klassischen Entwurmung werden bei der selektiven Entwurmung nicht automatisch alle Pferde zu festen Terminen behandelt. Stattdessen wird zunächst untersucht, welche Parasiten vorhanden sind und ob eine behandlungsbedürftige Belastung vorliegt. Erst auf Grundlage dieser Ergebnisse wird entschieden, ob eine Entwurmung notwendig ist.
Die eingesetzten Medikamente unterscheiden sich dabei nicht von denen der klassischen Entwurmung. Auch die Zielparasiten sind dieselben. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Behandlung nicht nach dem Kalender, sondern auf Basis diagnostischer Befunde erfolgt. Die selektive Entwurmung verfolgt damit nicht das Ziel eines vollständig wurmfreien Pferdes, sondern die Vermeidung krankmachender Wurmbelastungen bei möglichst gezieltem Einsatz von Entwurmungsmitteln.
Die selektive Entwurmung besteht aus mehr als einer Kotprobe
Oft wird die selektive Entwurmung auf das Einsenden einer Kotprobe reduziert. Tatsächlich umfasst sie deutlich mehr. Neben den Laboruntersuchungen werden auch die Haltungsbedingungen und mögliche Risikofaktoren berücksichtigt.
Dazu gehören beispielsweise Beobachtungen von Dasselfliegen und ihren Eiern am Pferd, die gemeinsame Beweidung mit Eseln oder Wiederkäuern, Feuchtstellen und Sumpfbereiche auf den Weiden sowie besondere Auffälligkeiten einzelner Pferde. Auch die Ergebnisse früherer Untersuchungen fließen in die Bewertung ein. Die selektive Entwurmung ist deshalb weniger eine einzelne Untersuchung als vielmehr ein umfassendes Wurmmanagement für den gesamten Bestand.
Welche Untersuchungen werden eingesetzt?
Grundlage der selektiven Entwurmung sind Kotuntersuchungen. Am häufigsten werden sogenannte Eintagesproben untersucht. Hierbei wird eine einzelne frische Kotprobe eingesandt. Für die Beurteilung von Strongyliden und vielen anderen häufigen Parasiten ist dies in der Regel ausreichend.
Für bestimmte Fragestellungen werden Dreitagesproben verwendet. Dabei werden über mehrere Tage kleine Mengen Kot gesammelt und gemeinsam untersucht. Besonders bei Parasiten, die Eier nicht kontinuierlich ausscheiden, kann dies die Nachweissicherheit erhöhen. Dies betrifft beispielsweise Bandwürmer.
Zur Auswertung kommen verschiedene Laborverfahren zum Einsatz. Das McMaster-Verfahren dient der Bestimmung der Eizahl und liefert die Grundlage für die Berechnung der sogenannten EPG-Werte (Eier pro Gramm Kot). Flotationsverfahren werden verwendet, um viele Wurmeier überhaupt sichtbar zu machen. Sedimentationsverfahren kommen insbesondere bei schwereren Eiern wie denen von Leberegeln zum Einsatz.
Eine besondere Rolle spielt die Larvenanzucht. Mit ihr lassen sich große Strongyliden von den deutlich häufigeren kleinen Strongyliden unterscheiden. Da beide Gruppen in einer normalen Kotprobe gleich aussehen, gehört die Larvenanzucht zu den wichtigsten Zusatzuntersuchungen der selektiven Entwurmung.
Für Pfriemschwänze eignet sich dagegen meist kein Kotnachweis. Hier wird ein Klebestreifentest im Bereich des Afters durchgeführt, da die Eier außerhalb des Darms abgelegt werden.
Was bedeutet die EPG-Zahl?
Das Ergebnis vieler Kotuntersuchungen wird als EPG-Wert angegeben. EPG steht für „Eier pro Gramm Kot“. Gezählt werden dabei nicht die Würmer selbst, sondern die von ihnen ausgeschiedenen Eier.
Die EPG-Zahl erlaubt eine Einschätzung, wie stark ein Pferd aktuell zur Verbreitung von Parasiten beiträgt. Sie gibt jedoch keine direkte Auskunft darüber, wie viele Würmer tatsächlich im Pferd leben. Aus diesem Grund werden bestimmte Grenzwerte verwendet, die als Entscheidungshilfe für eine Behandlung dienen. Die genaue Höhe dieser Grenzwerte kann je nach Labor und Programm leicht variieren.
Für die häufigsten Parasiten des erwachsenen Pferdes, insbesondere die kleinen Strongyliden, hat sich dieses Verfahren in der Praxis bewährt. Da gerade diese Würmer den größten Teil der Eiausscheidung ausmachen, lässt sich die Belastung eines Bestandes mit ihnen gut überwachen.
Welche Würmer werden nicht zuverlässig erfasst?
Eine wichtige Grenze der selektiven Entwurmung besteht darin, dass nicht alle Parasiten gleich gut über Kotproben nachweisbar sind. Kleine Strongyliden und Spulwürmer lassen sich meist zuverlässig erfassen. Andere Parasiten erfordern dagegen zusätzliche Maßnahmen.
Bandwürmer werden nur unregelmäßig ausgeschieden und können deshalb über Kotproben leicht übersehen werden. Neben Dreitagesproben kommen deshalb häufig spezielle Antikörpertests zum Einsatz, die eine bessere Einschätzung der Bandwurmsituation ermöglichen. Große Strongyliden benötigen eine Larvenanzucht, um sicher erkannt zu werden. Pfriemschwänze werden über den Klebestreifentest nachgewiesen. Magendasseln werden vor allem durch die Beobachtung der typischen gelben Eier am Pferd erkannt. Bei Leberegeln spielen die Haltungsbedingungen und das Vorkommen von Feuchtgebieten sowie Wiederkäuern eine wichtige Rolle. Lungenwürmer sollten insbesondere bei Kontakt zu Eseln berücksichtigt werden.
Die selektive Entwurmung arbeitet deshalb nicht nur mit Kotproben, sondern nutzt zusätzliche Untersuchungen und Ausschlussverfahren, um möglichst viele relevante Parasiten zu erfassen.
Was passiert bei einem positiven Befund?
Werden behandlungsbedürftige Befunde festgestellt oder festgelegte Grenzwerte überschritten, erfolgt die Entwurmung mit denselben Wirkstoffen wie bei der klassischen strategischen Entwurmung. Die selektive Entwurmung verwendet also keine anderen Medikamente, sondern entscheidet lediglich gezielter über deren Einsatz.
Nach der Behandlung wird die Wirksamkeit überprüft. Üblicherweise erfolgt etwa zwei Wochen später eine Kontrolluntersuchung des Kots. Dabei wird überprüft, ob die Eiausscheidung ausreichend reduziert wurde. Werden weiterhin relevante Mengen an Wurmeiern gefunden, kann eine erneute Behandlung notwendig werden. In einzelnen Fällen sind mehrere Behandlungen erforderlich, bis die gewünschten Grenzwerte wieder eingehalten werden.
Wann wird der gesamte Bestand behandelt?
Bestimmte Befunde haben Konsequenzen für den gesamten Bestand. Besonders wichtig sind hier die großen Strongyliden. Werden sie nachgewiesen, betrifft dies in der Regel nicht nur das einzelne Pferd, sondern die gesamte Herde und die gemeinsam genutzten Weideflächen. In solchen Fällen wird üblicherweise der gesamte Bestand mit einem geeigneten Wirkstoff behandelt, um eine weitere Verbreitung zu verhindern.
Auch Bandwürmer nehmen eine Sonderstellung ein. Da sie über Kotproben nur eingeschränkt erfasst werden können und gleichzeitig erhebliche gesundheitliche Probleme verursachen können, werden sie in vielen Programmen gesondert berücksichtigt. Wird bei einem Pferd des Bestandes ein Bandwurmbefall nachgewiesen, sehen viele Konzepte der selektiven Entwurmung eine jährliche Behandlung des gesamten Bestandes vor. Daneben existieren auch Programme, die unabhängig vom Nachweis einmal jährlich eine sogenannte „Große Wurmkur“ gegen Bandwürmer und Magendasseln einplanen. Dadurch entstehen in der Praxis Mischformen aus selektiver und strategischer Entwurmung.
Grenzen der selektiven Entwurmung
Die selektive Entwurmung liefert deutlich mehr Informationen über die tatsächliche Wurmsituation eines Bestandes als eine reine Kalenderentwurmung. Gleichzeitig erfordert sie regelmäßige Untersuchungen und eine konsequente Durchführung. Nicht alle Parasiten lassen sich direkt erfassen, weshalb zusätzliche Untersuchungen und Beobachtungen notwendig sind.
Außerdem hängt die Aussagekraft der Ergebnisse von einer korrekten Probenahme und der fachgerechten Auswertung ab. Deshalb erfordert die selektive Entwurmung eine konsequente Durchführung und die Zusammenarbeit mit erfahrenen Laboren oder Tierärzten.
Die Praxis ist oft einfacher als die Theorie
Die zeitgemäße selektive Entwurmung wirkt auf den ersten Blick komplex. Tatsächlich steckt hinter dem Konzept viel Wissen über Parasiten, Diagnostik und Wurmmanagement. Pferdehalter müssen jedoch nicht alle Details selbst beherrschen, um die Methode erfolgreich anzuwenden.
Viele auf Pferde spezialisierte Labore begleiten ihre Kunden durch den gesamten Jahresablauf. Sie erinnern an anstehende Proben, geben Hinweise zu den benötigten Untersuchungen und unterstützen bei der Interpretation der Ergebnisse. Dadurch wird aus einem scheinbar komplizierten Thema ein gut strukturierter Prozess, bei dem die einzelnen Schritte klar vorgegeben sind. Die Aufgabe des Pferdehalters besteht meist darin, die Proben zu den empfohlenen Zeitpunkten einzusenden und besondere Beobachtungen wie Dasselfliegen, Kontakt zu Eseln oder feuchte Weidebereiche mitzuteilen. Die Auswahl der Untersuchungen und die Bewertung der Ergebnisse erfolgen anschließend gemeinsam mit dem Labor oder dem betreuenden Tierarzt.
Fazit
Die zeitgemäße selektive Entwurmung ist keine Alternative zur Entwurmung, sondern eine Weiterentwicklung des klassischen Wurmmanagements. Sie nutzt zusätzliche Informationen, um Entwurmungen gezielter einzusetzen, Resistenzen zu begrenzen und gleichzeitig einen besseren Überblick über die Wurmsituation im Bestand zu erhalten.
Die Methode erfordert etwas mehr Planung als eine reine Kalenderentwurmung, bietet dafür jedoch die Möglichkeit, Behandlungen stärker an den tatsächlichen Bedarf anzupassen. Deshalb hat sich die selektive Entwurmung in den letzten Jahren in vielen Pferdebeständen etabliert und bildet heute die Grundlage zahlreicher moderner Parasitenmanagementprogramme.
