Problematische Strukturhecksel
Strukturhecksel wirken auf den ersten Blick wie eine sinnvolle Idee. Sie bestehen aus geschnittenen, meist relativ groben Fasern verschiedener Raufuttermittel – häufig Luzerne, Gräser oder Stroh – und werden vor allem dort eingesetzt, wo Kraftfutter „strukturreicher“ erscheinen soll. Die Idee dahinter klingt logisch: längere Kautätigkeit, mehr Speichel, mehr „Raufuttereffekt“ im Trog.
Schaut man jedoch genauer hin, wird schnell deutlich, dass dieses Versprechen in der Praxis oft nicht gehalten wird. Denn Struktur ist nicht gleich Struktur. Entscheidend ist nicht nur, dass Fasern enthalten sind, sondern in welcher Form sie vorliegen und wie das Pferd sie überhaupt verarbeiten kann.
Was Strukturhecksel eigentlich sind
Strukturhecksel sind kein natürlich gewachsenes Futtermittel, sondern ein verarbeitetes Produkt. Pflanzenfasern werden getrocknet, geschnitten und häufig mit weiteren Komponenten zu Müslis oder Mischfuttern kombiniert. Ziel ist es, das Futter optisch und funktionell „aufzuwerten“. Gerade bei Müslis sollen Strukturhecksel dafür sorgen, dass Pferde langsamer fressen und länger kauen.
Genau dieser Punkt ist jedoch wissenschaftlich nicht so eindeutig, wie oft dargestellt. Untersuchungen zeigen, dass das Beimischen von gehäckselter Luzerne zu Kraftfutter die Fressgeschwindigkeit nicht zuverlässig reduziert und damit den gewünschten Effekt nur eingeschränkt erfüllt1. Der Grund liegt unter anderem darin, dass Pferde beim Fressen zwischen Kraftfutter und Raufutter unterscheiden und ihre Aufnahme entsprechend anpassen. Auch wenn strukturierte Fasern beigemischt werden, bleibt die typische schnelle Aufnahme von Kraftfutter häufig bestehen, ohne dass sich die Kautätigkeit in dem Maße verlängert, wie es bei langstieligem Heu der Fall wäre.
Damit wird bereits an dieser Stelle klar: Der Ersatz von echtem Raufutter durch strukturierte Kraftfutterbestandteile funktioniert nur sehr begrenzt.
Im Magen: besonders kritisch bei empfindlichen Pferden
Besonders kritisch wird die Betrachtung im Magen. Hier zeigt sich deutlich, dass die Form des Futters einen erheblichen Einfluss auf die Magenschleimhaut haben kann. Vor allem für Luzerne-Häcksel gibt es Hinweise, dass sie problematisch sein können. In einer Studie an Absetzfohlen zeigte sich, dass Pferde, die Luzerne in gehäckselter Form erhielten, signifikant stärkere Läsionen im Bereich des Magenausgangs entwickelten2. Dieser Bereich gehört zur drüsigen Magenschleimhaut und ist besonders empfindlich gegenüber Störungen.
Als mögliche Ursache wird unter anderem eine mechanische Reizung durch gröbere, härtere Faserstrukturen diskutiert3. Die Schleimhaut wird dabei nicht nur chemisch, sondern auch physikalisch belastet. Genau dieser Mechanismus passt gut zu dem, was man auch in der Praxis beobachtet: Nicht jedes „faserreiche“ Futtermittel ist automatisch magenschonend.
Gerade bei magensensiblen Pferden oder Pferden mit bestehenden Magengeschwüren ist dieser Punkt von besonderer Bedeutung. In solchen Fällen wird häufig zu sogenannten Gastro-Müslis gegriffen, die vermeintlich magenfreundlich sein sollen. Gleichzeitig enthalten viele dieser Futtermittel genau solche Strukturhecksel, insbesondere aus Luzerne. Damit entsteht ein Widerspruch: Ein Futter, das den Magen unterstützen soll, kann gleichzeitig Strukturen enthalten, die die Schleimhaut zusätzlich reizen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Luzerne als Pflanze ist nicht per se problematisch. In Form von Heu kann sie sogar positive Effekte auf den Magen haben. Entscheidend ist die Struktur. Während langes Heu eine schützende Faserwirkung entfalten kann, verlieren gehäckselte, grobe Strukturen diesen Effekt – oder können ihn im ungünstigen Fall sogar ins Gegenteil verkehren.
Im Dickdarm: ein empfindliches Gleichgewicht
Auch im Dickdarm zeigt sich, dass die Form des Futters eine wichtige Rolle spielt. Die mikrobielle Verdauung des Pferdes ist auf eine kontinuierliche Zufuhr von gleichmäßig zerkleinertem Raufutter ausgelegt. Veränderungen in der Partikelgröße und Futterstruktur können diese Prozesse beeinflussen.
Direkte Studien, die Strukturhecksel eindeutig als Ursache für Fehlgärungen belegen, sind begrenzt. Gleichzeitig ist gut belegt, dass die Zusammensetzung und Struktur des Futters die mikrobielle Fermentation beeinflusst4. Aus verdauungsphysiologischer Sicht ist daher gut nachvollziehbar, dass unnatürliche Faserformen die Stabilität dieses Systems beeinträchtigen können – insbesondere dann, wenn sie an die Stelle von hochwertigem Raufutter treten.
Gerade bei empfindlichen Pferden oder bereits gestörtem Verdauungssystem sollte dieser Punkt nicht unterschätzt werden.
Warum das Versprechen der Futtermittelindustrie nicht aufgeht
Das zentrale Verkaufsargument für Strukturhecksel ist die Verlängerung der Kautätigkeit und damit ein vermeintlich raufutterähnlicher Effekt. Genau dieser Effekt lässt sich jedoch nicht zuverlässig nachweisen. Gleichzeitig zeigen sich in sensiblen Bereichen wie dem Magen Hinweise darauf, dass bestimmte Formen – insbesondere Luzerne-Häcksel – sogar nachteilige Effekte haben können.
Damit entsteht ein deutlicher Widerspruch: Ein Futtermittel, das eigentlich das natürliche Fressverhalten unterstützen soll, kann unter Umständen genau das Gegenteil bewirken.
Fazit
Strukturhecksel sind kein gleichwertiger Ersatz für Raufutter. Besonders kritisch ist ihre Verwendung in Müslis zu sehen, wo sie häufig als „Strukturkomponente“ beigemischt werden. Gerade in sogenannten Gastro-Müslis entsteht dadurch ein problematischer Widerspruch: Ein Futter, das den Magen unterstützen soll, enthält gleichzeitig Bestandteile, die bei empfindlichen Pferden die Magenschleimhaut zusätzlich belasten können.
Der Nutzen im Hinblick auf eine verlängerte Kautätigkeit ist begrenzt, während mögliche Risiken – insbesondere im Magenbereich – nicht außer Acht gelassen werden sollten. Wer seinem Pferd wirklich Struktur geben möchte, erreicht das am zuverlässigsten über gutes, langstieliges Raufutter und nicht über geschnittene Faserbestandteile im Kraftfutter.
1 Vervuert et al., Einfluss von Luzerne-Häcksel auf Fressverhalten und Kraftfutteraufnahme
2 Vondran et al. (2016), zitiert in Sabban (TiHo Hannover)
3 Diskussion mechanischer Reizung der Magenschleimhaut, zusammengefasst in Sabban (2021)
4 Einfluss von Partikelgröße und Struktur auf die mikrobielle Fermentation im Dickdarm
