Ölfütterung – sinnvoll oder problematisch?
Öl wird in der modernen Pferdefütterung häufig als „Energie ohne Zucker“ beworben. Besonders bei sportlich genutzten Pferden, schwerfuttrigen Tieren oder als Alternative zu Getreide wird es gerne eingesetzt. Auch Fellglanz, Muskelaufbau oder Leistungssteigerung werden als Argumente angeführt. Doch nur weil Öl energiereich ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es physiologisch sinnvoll in eine pferdegerechte Fütterung passt.
Fette sind für den Organismus durchaus wichtig. Sie sind Bestandteil von Zellmembranen, an der Hormonbildung beteiligt und ermöglichen die Aufnahme fettlöslicher Vitamine wie A, D, E und K. Zudem liefern sie essenzielle Fettsäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Der tatsächliche Bedarf des Pferdes an Fett ist jedoch vergleichsweise gering und wird bei einer normalen Heufütterung in der Regel bereits gedeckt. Heu enthält etwa zwei bis vier Prozent Rohfett – bei ausreichender Raufutteraufnahme reicht dies meist aus, um den Grundbedarf abzudecken.
Fettverdauung – ein begrenztes System
Die Verdauung von Fett erfolgt über spezielle Enzyme, sogenannte Lipasen. Diese werden vor allem von der Bauchspeicheldrüse gebildet. Damit Lipasen wirken können, muss das Fett zuvor emulgiert werden. Hier kommen Gallensäuren ins Spiel, die das Fett in kleine Tröpfchen aufspalten, sodass die Enzyme angreifen können. Pferde besitzen jedoch keine Gallenblase. Der Gallensaft wird kontinuierlich in kleinen Mengen aus der Leber in den Dünndarm abgegeben. Eine Anpassung an plötzlich große Fettmengen ist daher nur begrenzt möglich.
Hinzu kommt, dass die Dünndarmpassage beim Pferd relativ kurz ist und nur etwa 45 bis 60 Minuten dauert. In dieser Zeit muss die Fettverdauung abgeschlossen sein. Werden größere Mengen Öl gefüttert, reicht die Emulgierungs- und Enzymkapazität häufig nicht aus. Ein Teil des Fettes gelangt unverdaut in den Dickdarm.
Öl im Dickdarm – Auswirkungen auf das Mikrobiom
Der Dickdarm des Pferdes ist auf die Fermentation von Rohfaser spezialisiert. Hier leben Milliarden Mikroorganismen, die Faserbestandteile in Energie umwandeln. Öl gehört physiologisch nicht in diesen Darmabschnitt. Gelangt unverdauliches Fett in den Dickdarm, kann es das bakterielle Gleichgewicht stören. Öle wirken problematisch auf bestimmte Darmbakterien und können die Aktivität faserabbauender Mikroorganismen beeinträchtigen. Die Folge kann eine verminderte Rohfaserverwertung und eine Verschiebung der mikrobiellen Balance sein.
Da die Gesundheit des Pferdes maßgeblich von einer stabilen Darmflora abhängt, ist jede Störung des Mikrobioms kritisch zu betrachten. Eine veränderte Darmflora kann sich nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf Immunsystem, Stoffwechsel und allgemeines Wohlbefinden auswirken.
Entzündungsfördernde Effekte und Fettsäureverhältnis
Viele gängige Pflanzenöle wie Sonnenblumen- oder Maiskeimöl enthalten hohe Mengen an Omega-6-Fettsäuren. Ein dauerhaft ungünstiges Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 kann entzündliche Prozesse im Körper begünstigen. Gerade bei Pferden mit Arthrose, Sehnenproblemen oder Stoffwechselstörungen ist dies ein wichtiger Aspekt.
Zusätzlich unterliegen Öle einer Oxidation. Bei Kontakt mit Licht, Wärme und Sauerstoff können sie ranzig werden. Oxidierte Fettsäuren belasten den Organismus und erhöhen die oxidative Stressbelastung. Ranzigkeit ist nicht immer sofort am Geruch erkennbar, insbesondere wenn größere Gebinde über längere Zeit im Stall gelagert werden. Dieses Risiko wird häufig unterschätzt.
Wann wird Öl eingesetzt – und ist es wirklich nötig?
Öl wird häufig bei Sportpferden, schwerfuttrigen Tieren, Senioren oder im Zusammenhang mit Muskelproblemen wie PSSM eingesetzt. Besonders im PSSM-Management wird Öl oft als zentrale Energiequelle empfohlen, um Stärke zu reduzieren und Fett als „alternative Energie“ bereitzustellen.
Aus physiologischer Sicht ist jedoch auch hier Vorsicht geboten. Pferde sind keine Hochleistungs-Fettverwerter wie beispielsweise Hunde. Ihr Verdauungssystem ist auf Faserfermentation spezialisiert. Auch bei PSSM ist nicht das Fett an sich die Lösung, sondern eine insgesamt angepasste, stärkearme und strukturreiche Fütterung mit hochwertigem Raufutter, ausreichender Bewegung und gut abgestimmter Mineralstoffversorgung.
In der Praxis zeigt sich, dass viele Pferde – auch mit PSSM – ohne zusätzliche Ölzufuhr stabil gefüttert werden können, wenn die Ration insgesamt durchdacht aufgebaut ist. Öl ist daher kein zwingend notwendiger Bestandteil einer PSSM-Ration, sondern eine von mehreren möglichen Strategien, die kritisch hinterfragt werden sollte. Für die meisten Freizeitpferde ist eine zusätzliche Ölfütterung weder notwendig noch physiologisch sinnvoll.
Warum Ölsaaten die bessere Alternative sind
Nicht das Fett an sich ist grundsätzlich problematisch, sondern die isolierte und hochkonzentrierte Zufütterung von reinem Öl. In Ölsaaten wie Sonnenblumenkernen oder Leinsamen ist das Fett in eine natürliche Pflanzenstruktur eingebettet. Es wird langsamer freigesetzt und ist kombiniert mit Protein, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Dadurch erfolgt die Verdauung physiologischer und weniger abrupt als bei reinem Öl.
Besonders Leinsamen gelten als gut verträgliche Alternative, da sie neben Fett auch Schleimstoffe enthalten, die sich positiv auf die Magenschleimhaut auswirken können. Ölsaaten stellen daher eine deutlich natürlichere Form der Fettzufuhr dar als isolierte Öle.
Fazit
Öl ist kein natürlicher Bestandteil der ursprünglichen Pferdenahrung. Das Verdauungssystem des Pferdes ist auf faserreiche, fettarme Kost ausgelegt und nur begrenzt an größere Fettmengen angepasst. Hohe Ölzufuhr kann die Fettverdauung überfordern, das Mikrobiom beeinflussen und entzündliche Prozesse begünstigen. Hinzu kommt das Risiko der Oxidation und Ranzigkeit.
In den meisten Fällen ist Öl in der Pferdefütterung nicht notwendig. Auch bei speziellen Stoffwechselthemen wie PSSM ist eine durchdachte Gesamtration wichtiger als die isolierte Gabe von Öl. Wenn eine zusätzliche Fettquelle sinnvoll erscheint, sind Ölsaaten die physiologisch deutlich passendere Alternative. Eine ausgewogene Raufutterbasis bleibt der wichtigste Baustein einer gesunden Pferdefütterung.
