Der Pferdemagen – Fresspausen sind nicht vorgesehen
Nach der mechanischen Zerkleinerung im Maul gelangt der gründlich eingespeichelte Nahrungsbrei über die Speiseröhre in den Magen. Der Magen ist dabei ein hochaktives Organ in einem System, das auf nahezu kontinuierliche Futteraufnahme ausgelegt ist. Seine Funktion lässt sich nur verstehen, wenn man das Pferd als Dauerfresser betrachtet, dessen Körper evolutionär nicht für wenige große Mahlzeiten, sondern für einen stetigen Strom kleiner Futtermengen gebaut wurde.
Der Magen übernimmt mehrere Aufgaben gleichzeitig: Er reguliert die Weiterleitung des Futters, beginnt die enzymatische Eiweißverdauung und produziert kontinuierlich Säure – sowohl zur Vorbereitung der Eiweißverdauung als auch zur teilweisen Desinfektion des Nahrungsbreis – unabhängig davon, ob Futter vorhanden ist oder nicht.
Der Mageneingang – Schutzmechanismus mit Nebenwirkungen
Der Übergang von der Speiseröhre in den Magen wird durch einen außergewöhnlich kräftigen Schließmuskel gesichert. Dieser sogenannte Mageneingang (Cardia) öffnet sich nur während des aktiven Schluckvorgangs und verschließt sich anschließend nahezu vollständig.
Dieser starke Verschluss schützt das Pferd beim Fressen mit gesenktem Kopf vor einem Rückfluss von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre. Gleichzeitig hat diese Konstruktion eine entscheidende Konsequenz: Pferde können nicht erbrechen. Was einmal geschluckt wurde, verbleibt im Verdauungstrakt.
Gerade deshalb ist eine gründliche Zerkleinerung im Maul von zentraler Bedeutung. Zu große Futterstücke, schlecht gekautes Futter oder stark quellende Bestandteile können in der Speiseröhre stecken bleiben. Die Folge ist eine Schlundverstopfung – ein akuter Notfall, der tierärztlich behandelt werden muss. Sorgfältiges Kauen und korrekt eingeweichte Futtermittel sind daher nicht nur eine Frage der Verdauungsphysiologie, sondern auch der Sicherheit.
Klein, zweigeteilt und dauerhaft aktiv
Der Pferdemagen ist im Verhältnis zur Körpergröße klein. Er fasst nur einen Bruchteil dessen, was das Pferd über den Tag verteilt frisst. Diese begrenzte Kapazität zeigt deutlich: Der Magen ist nicht als Vorratsspeicher gedacht, sondern als Durchgangsstation.
Anatomisch ist er zweigeteilt. Der obere Abschnitt ist drüsenlos und produziert weder Säure noch schützenden Schleim. Der untere Abschnitt enthält spezialisierte Drüsenzellen, die kontinuierlich Salzsäure und Verdauungsenzyme bilden. Getrennt werden beide Bereiche durch eine deutlich sichtbare Schleimhautfalte – die sogenannte Margo plicatus. Sie markiert die Grenze zwischen empfindlichem, ungeschütztem Epithel und säureproduzierender Drüsenschleimhaut.
Der untere Magenbereich schützt sich vor der eigenen Säure durch eine dicke Schleimschicht, die von den Drüsenzellen produziert wird. Diese Schleimschicht enthält Bicarbonat und bildet eine physikalische Barriere gegen Säure und Pepsin. Der obere, drüsenlose Teil besitzt diesen Schutzmechanismus nicht. Gerät hier Säure an die Schleimhaut, kann es zu Reizungen und später zu Geschwüren kommen.
pH-Wert, Keime und die Bedeutung von Futterqualität
Der pH-Wert im unteren Teil des Pferdemagens ist sauer, jedoch weniger extrem als bei Fleischfressern wie Hunden. Hunde sind darauf spezialisiert, stark keimbelastete Nahrung zu verdauen. Beim Pferd steht hingegen die pflanzliche Ernährung im Vordergrund.
Die Säure dient beim Pferd primär der Vorbereitung der Eiweißverdauung und nur teilweise der „Desinfektion“. Das bedeutet: Nicht alle Keime werden im Magen sicher abgetötet. Qualitativ einwandfreies, schimmelfreies Futter ist daher essenziell. Die selektive Futteraufnahme des Pferdes ist kein Zufall, sondern Teil eines Systems, das sich nicht allein auf Magensäure zur Keimkontrolle verlassen kann.
Beginn der Proteinverdauung
Im Magen beginnt die enzymatische Verdauung von Proteinen. Die kontinuierlich gebildete Salzsäure aktiviert das Enzym Pepsin. Dieses spaltet große Eiweißmoleküle in kleinere Fragmente. Die eigentliche Aufnahme der Aminosäuren erfolgt erst später im Dünndarm, doch ohne die Vorarbeit des Magens wäre diese Weiterverarbeitung nicht möglich.
Damit markiert der Magen den Übergang von der rein mechanischen Aufbereitung im Maul zur enzymatischen Verdauung.
Was der Pferdemagen physiologisch erwartet
Der Pferdemagen ist auf nahezu dauerhafte Futterzufuhr eingestellt. In der ursprünglichen Lebensweise fraßen Pferde viele Stunden täglich kleine Mengen rohfaserreicher Pflanzen. Durch das intensive Kauen entstand große Mengen Speichel, der die Säure teilweise puffert. Gleichzeitig bildet der ständig nachrückende Nahrungsbrei eine schützende Schicht im Magen. Diese physikalische Barriere verhindert, dass Säure ungehindert an empfindliche Bereiche gelangt. Lange Fresspausen widersprechen diesem System. Ist kein Futter im Magen vorhanden, bleibt die Säureproduktion dennoch bestehen. Die Säure kann dann ungeschützt an die Schleimhaut gelangen – insbesondere in den drüsenlosen oberen Bereich. Ein leerer Magen ist daher physiologisch nicht vorgesehen.
Wenn moderne Haltung auf dieses System trifft
In der heutigen Haltung entstehen häufig Bedingungen, für die der Magen des Pferdes nicht gebaut ist. Lange Fresspausen, wenige große Mahlzeiten, hoher Kraftfutteranteil, Stress und Bewegungsmangel verändern das fein abgestimmte Gleichgewicht.
Bei langen Fresspausen fehlt der schützende Futterteppich. Die Säure steigt in den oberen, ungeschützten Magenbereich auf und greift dort die Schleimhaut an. Diese Form von Magengeschwüren tritt vor allem im drüsenlosen vorderen Magenabschnitt auf.
Stress wirkt zusätzlich auf mehreren Ebenen. Er kann die Säureproduktion steigern und gleichzeitig die Durchblutung der Schleimhaut reduzieren. Besonders im Bereich des Magenausgangs – im drüsigen Abschnitt – entstehen unter Stressbedingungen häufiger Läsionen. Diese unterscheiden sich in ihrer Entstehung von den durch Fresspausen verursachten Veränderungen im oberen Magen.
Kraftfutter verschärft das Problem. Es wird schneller gefressen, erzeugt weniger Speichel und bildet keinen stabilen Futterteppich. Moderne Boxenhaltung mit Bewegungsmangel verschärft die Problematik zusätzlich, da Bewegung die gesamte Verdauungstätigkeit unterstützt.
Magengeschwüre sind daher selten ein isoliertes Problem. Sie entstehen meist durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, die dem ursprünglichen Verdauungssystem widersprechen.
Fazit
Der Pferdemagen ist ein dauerhaft aktives Organ in einem System, das auf kontinuierliche Aufnahme strukturreicher Nahrung ausgelegt ist. Seine Säureproduktion ist physiologisch – ein leerer Magen hingegen nicht.
Magengesundheit beruht daher weniger auf medikamentöser Säurehemmung, sondern vor allem auf angepasster Fütterung, ausreichender Struktur, möglichst kurzen Fresspausen, Stressreduktion und Bewegung.
Im nächsten Abschnitt der Verdauung – dem Dünndarm – wird deutlich, welche Nährstoffe enzymatisch verwertet werden können und wo die Grenzen dieser Verdauungsphase liegen.
