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Grundlagen der Verdauung beim Pferd

Verdauung ist ein Ergebnis der Evolution

Die Verdauung des Pferdes ist kein zufällig entstandenes System, sondern das Ergebnis einer langen evolutionären Entwicklung. Viele Missverständnisse in der Pferdefütterung entstehen, weil Pferde gedanklich mit Menschen oder Hunden verglichen werden. Doch ihr Verdauungstrakt funktioniert grundlegend anders.

Wer verstehen möchte, warum Heu die Basis der Fütterung ist, warum Fresspausen problematisch sind oder weshalb größere Mengen Kraftfutter Verdauungsstörungen auslösen können, muss zunächst das Grundprinzip der Pferdeverdauung verstehen. Die heutige Haltung und Nutzung von Pferden unterscheidet sich stark von ihren ursprünglichen Lebensbedingungen. Der Körper jedoch ist weitgehend derselbe geblieben.

Das Pferd als Dauerfresser karger Landschaften

Pferde entwickelten sich in offenen, oft nährstoffarmen Steppenlandschaften. Das verfügbare Futter war rohfaserreich, strukturbetont und vergleichsweise energiearm. Um ausreichend Nährstoffe aufzunehmen, mussten große Mengen davon über viele Stunden hinweg gefressen werden.

Nicht einzelne große Mahlzeiten, sondern eine nahezu dauerhafte Futteraufnahme prägte dieses System. Der Verdauungstrakt ist daher auf kleine, regelmäßig zugeführte Mengen strukturreichen Futters ausgelegt. Dieses Prinzip ist bis heute unverändert geblieben.

Faserverdauer und Dünndarmverdauer – zwei völlig unterschiedliche Konzepte

Ein grundlegender Unterschied zwischen Pferd und Mensch oder Hund liegt im Ort der Hauptverdauung. Beim Menschen und beim Hund findet der Großteil der Nährstoffaufnahme im Dünndarm statt. Stärke, Fette und Proteine werden enzymatisch zerlegt und dort direkt verwertet. Der Dickdarm übernimmt eher ergänzende Aufgaben – auch wenn seine Bedeutung für das Mikrobiom inzwischen zunehmend erkannt wird.

Beim Pferd hingegen liegt der Schwerpunkt im hinteren Darmabschnitt. Der Dünndarm übernimmt zwar die enzymatische Vorverarbeitung leicht verdaulicher Bestandteile, doch die Hauptenergiegewinnung erfolgt im Dickdarm. Dort wird rohfaserreiches Pflanzenmaterial durch Mikroorganismen fermentiert. Das Pferd ist somit kein primärer Stärkeverdauer, sondern ein hoch spezialisierter Faserverwerter.

Diese Besonderheit erklärt, warum große Mengen leicht verdaulicher Kohlenhydrate das System schneller aus dem Gleichgewicht bringen können als strukturreiches Futter.

Fermentation – mehr als nur Energiegewinnung

Pflanzenfasern bestehen überwiegend aus Zellulose und Hemizellulose, die vom Pferd selbst nicht enzymatisch gespalten werden können. Erst im Dickdarm übernehmen Milliarden von Mikroorganismen diese Aufgabe. Sie zerlegen die Faserbestandteile und produzieren dabei flüchtige Fettsäuren, die über die Darmwand aufgenommen werden und eine zentrale Energiequelle darstellen.

Doch die Fermentation dient nicht nur der Energiegewinnung. Die Darmflora produziert außerdem lebenswichtige Substanzen wie bestimmte B-Vitamine und Vitamin K. Darüber hinaus entstehen weitere Stoffwechselprodukte, die für den Gesamtorganismus von Bedeutung sind. Ein erheblicher Teil der Nährstoffversorgung hängt somit direkt von einer stabilen mikrobiellen Gemeinschaft im Dickdarm ab.

Dieses System ist auf Kontinuität ausgelegt. Es reagiert empfindlich auf plötzliche Futterwechsel, stark schwankende Nährstoffmengen oder längere Unterbrechungen der Futteraufnahme.

Bewegung als physiologischer Bestandteil der Verdauung

In ihrer ursprünglichen Lebensweise bewegten sich Pferde während der Futtersuche im Schritt mit gesenktem Kopf fort. Diese gleichmäßige, ruhige Bewegung über viele Stunden hinweg hatte nicht nur eine energetische, sondern auch eine verdauungsphysiologische Funktion.

Die Darmbewegung – die Peristaltik – wird durch Bewegung stimuliert. Ein sich bewegendes Pferd unterstützt aktiv den Transport und die Durchmischung des Darminhalts. Bewegungsmangel hingegen kann die Passage verlangsamen, die gleichmäßige Durchmischung beeinträchtigen und Fehlgärungen begünstigen. Verdauung ist beim Pferd daher untrennbar mit regelmäßiger, moderater Bewegung verbunden.

Wenn moderne Haltung auf ein ursprüngliches System trifft

Moderne Haltungsformen stehen diesem evolutionären Konzept häufig entgegen. In vielen Ställen verbringen Pferde einen Großteil des Tages in Boxen mit stark eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit. Die natürliche, gleichmäßige Schrittbewegung über viele Stunden entfällt weitgehend. Damit fehlt ein zentraler Stimulus für eine gesunde Darmperistaltik.

Hinzu kommen oft lange Fresspausen zwischen einzelnen Mahlzeiten. Der Magen produziert jedoch kontinuierlich Säure. Ohne ständige Faserzufuhr fehlt der natürliche Puffer durch Futter und Speichel. Gleichzeitig wird die gleichmäßige Fermentation im Dickdarm unterbrochen.

Als dritter Faktor kommt die hohe Energiezufuhr durch größere Kraftfutterportionen hinzu. Werden leicht verdauliche Kohlenhydrate im Dünndarm nicht vollständig aufgenommen, gelangen sie in den Dickdarm. Dort können sie das empfindliche mikrobielle Gleichgewicht stören und zu Fehlgärungen führen.

Bewegungsmangel, Fresspausen und energiereiche Rationen bilden somit ein Spannungsfeld, in dem das ursprünglich auf Gleichmäßigkeit ausgelegte Verdauungssystem unter Druck gerät. Viele heute verbreitete Verdauungs- und Stoffwechselprobleme lassen sich vor diesem Hintergrund nachvollziehen.

Fazit – Ein System der Gleichmäßigkeit

Die Verdauung des Pferdes ist auf kontinuierliche Faseraufnahme, mikrobielle Fermentation und regelmäßige Bewegung ausgerichtet. Der Dickdarm übernimmt die zentrale Rolle in der Energie- und Nährstoffgewinnung, während der Dünndarm vorbereitende Aufgaben erfüllt. Stabilität, Struktur und Rhythmus sind die Grundprinzipien dieses Systems.

In den folgenden Artikeln dieser Kategorie werden die einzelnen Abschnitte des Verdauungstraktes detailliert dargestellt. Schritt für Schritt wird erläutert, wie Maul, Magen, Dünndarm, Blinddarm und Dickdarm zusammenarbeiten – und an welchen Stellen typische Störungen entstehen können.

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