Der Dünndarm: Nährstoffaufnahme unter Zeitdruck
Sobald der Nahrungsbrei den Magen durch den Pylorus – einen ringförmigen Schließmuskel am Magenausgang – portionsweise passiert hat, gelangt er in den Dünndarm. Dieser Abschnitt des Verdauungstrakts ist beim Pferd etwa 20 bis 25 Meter lang und stellt den zentralen Ort der enzymatischen Verdauung sowie der Aufnahme von Mineralien und Spurenelementen beziehungsweise Vitaminen dar. Während im Dickdarm später mikrobielle Prozesse dominieren, bei denen Bakterien Strukturfasern abbauen, entscheidet sich unter anderem im Dünndarm, welche Nährstoffe direkt durch körpereigene Enzyme zerlegt und in den Organismus aufgenommen werden können. Die Verweildauer des Nahrungsbreis ist dabei überraschend kurz. In der Regel bleibt er nur etwa 45 bis 60 Minuten im Dünndarm. Innerhalb dieses begrenzten Zeitfensters muss alles, was enzymatisch verwertbar ist, aufgeschlossen und aufgenommen werden.
Der Dünndarm gliedert sich in drei Abschnitte. Im Zwölffingerdarm (Duodenum) münden die Sekrete der Bauchspeicheldrüse sowie die von der Leber gebildete Galle ein. Hier beginnt die Neutralisation des stark sauren Mageninhalts. Der nachfolgende Leerdarm (Jejunum) ist der Hauptort der Nährstoffaufnahme, während im letzten Abschnitt, dem Krummdarm (Ileum), die Weiterleitung in Richtung Blinddarm reguliert wird. Die Schleimhaut ist stark gefaltet und mit feinen Ausstülpungen versehen, wodurch eine enorme Aufnahmefläche entsteht.
Neutralisation des Mageninhalts
Der aus dem Magen kommende Nahrungsbrei ist stark sauer. Damit die Verdauungsenzyme im Dünndarm arbeiten können, muss dieses saure Milieu zunächst abgeschwächt werden. Die Bauchspeicheldrüse gibt dazu ihr Verdauungssekret – den sogenannten Pankreassaft – in den Zwölffingerdarm ab, das reich an Bikarbonat ist. Dieses hebt den pH-Wert an und schafft ein leicht alkalisches Umfeld, in dem die Enzyme optimal wirken können. Ohne diese Neutralisation würde die Dünndarmschleimhaut geschädigt und die enzymatische Verdauung erheblich beeinträchtigt.
Pankreas – enzymatische Aufspaltung
Die Bauchspeicheldrüse produziert zudem mehrere Verdauungsenzyme, die jeweils auf bestimmte Nährstoffgruppen spezialisiert sind. Die Amylase spaltet Stärke in kleinere Zuckerbausteine. Proteasen wie Trypsin und Chymotrypsin zerlegen Eiweiße in Peptide und schließlich in Aminosäuren. Die Lipase ist für die Spaltung von Fetten zuständig und zerlegt diese in Fettsäuren und Glycerin.
Diese enzymatische Spaltung ist leistungsfähig, jedoch mengenmäßig begrenzt. Das Pferd ist evolutionsbiologisch nicht darauf ausgelegt, große Mengen hochkonzentrierter Stärke oder Fett zu verarbeiten. Zwar kann der Organismus die Produktion bestimmter Verdauungsenzyme – insbesondere der Amylase – bei steigender Zufuhr allmählich anpassen, doch erfolgt diese Anpassung langsam und nur innerhalb klarer physiologischer Grenzen. Deshalb müssen stärkereiche Rationen stets langsam erhöht werden.
Wird mehr Stärke gefüttert, als im Dünndarm enzymatisch gespalten und aufgenommen werden kann, gelangt ein Teil davon unverdaut weiter in den Blinddarm, wo dieser dann der Darmflora Probleme bereitet. Gleiches gilt für übermäßige Fettmengen oder hohe Proteinüberschüsse. Der Dünndarm arbeitet effizient, aber nur innerhalb eines natürlichen Anpassungsrahmens, der nicht für dauerhaft hohe Kraftfuttermengen konzipiert ist.
Galle – Emulgierung und biliäre Ausscheidung
Die Galle wird in der Leber gebildet und fließt beim Pferd kontinuierlich in den Dünndarm, da keine Gallenblase vorhanden ist. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Emulgierung der Fette. Dabei werden größere Fetttröpfchen in viele kleine Tröpfchen aufgeteilt, wodurch sich ihre Oberfläche vergrößert und die fettspaltenden Enzyme besser angreifen können. Ohne diese Vorarbeit wäre die Fettverdauung deutlich eingeschränkt.
Da Pferde keine Gallenblase besitzen, kann die Galle jedoch nicht in größeren Mengen ausgeschüttet werden. Sie steht nur in der kontinuierlich produzierten Menge zur Verfügung. Werden größere Fett- oder Ölmengen gefüttert, reicht diese Emulgierungskapazität unter Umständen nicht aus. Die Fettaufbereitung wird ineffizient, und ein Teil der Fette kann unvollständig verdaut in nachfolgende Darmabschnitte gelangen - mit großen Problemen für die Darmflora. Dies ist einer der Gründe, weshalb Ölzufütterungen selbst in kleinerem Maßstab physiologisch nicht dem natürlichen Verdauungssystem des Pferdes entsprechen.
Neben der Fettverdauung erfüllt die Galle eine weitere wichtige Funktion. Sie dient als Ausscheidungsweg für fettlösliche Stoffwechselprodukte. Während wasserlösliche Abfallstoffe überwiegend über die Nieren ausgeschieden werden, gelangen viele fettlösliche Abbauprodukte über die Galle in den Darm und werden mit dem Kot ausgeschieden. Der Dünndarm ist somit auch in Prozesse der Stoffwechselregulation eingebunden.
Resorption von Zucker, Aminosäuren und Fettsäuren
Die Aufnahme der aufgespaltenen Nährstoffe erfolgt über spezialisierte Transportmechanismen in der Dünndarmschleimhaut. Zuckerbausteine wie Glukose werden aktiv in die Darmzellen transportiert. Aminosäuren gelangen über spezifische Transportproteine in den Blutkreislauf. Fettsäuren werden nach ihrer Spaltung aufgenommen und über das Lymphsystem weitergeleitet. Diese Prozesse sind zeitlich begrenzt und präzise reguliert. Was innerhalb der kurzen Passagezeit nicht aufgenommen wird, steht dem Körper enzymatisch nicht mehr zur Verfügung und wird zur Belastung für die Darmflora.
Resorption von Vitaminen
Vitamine werden im Dünndarm je nach ihrer chemischen Eigenschaft unterschiedlich aufgenommen. Fettlösliche Vitamine – also Vitamin A (bzw. dessen Vorstufe Beta-Carotin), Vitamin D und Vitamin E – benötigen für ihre Aufnahme Fett. Sie werden gemeinsam mit den Fettbestandteilen des Futters über die Darmwand aufgenommen. Dabei spielt die zuvor beschriebene Emulgierung durch die Galle eine entscheidende Rolle, da sie die Fetttröpfchen in eine aufnahmefähige Form überführt. Das im Heu natürlich enthaltene Rohfett reicht aus, um die Resorption dieser fettlöslichen Vitamine zu gewährleisten. Eine zusätzliche Ölzufuhr ist dafür physiologisch nicht notwendig. Wasserlösliche Vitamine werden unabhängig vom Fett direkt über spezielle Transportmechanismen in der Dünndarmschleimhaut aufgenommen.
Allerdings ist das Pferd nicht bei allen Vitaminen gleichermaßen auf eine externe Zufuhr angewiesen. Essenziell über das Futter sind vor allem Vitamin E sowie Vitamin A in Form von Beta-Carotin. Die meisten B-Vitamine sowie Vitamin K werden bei einer stabilen, strukturreichen Fütterung in ausreichendem Maße von der Darmflora im Dickdarm gebildet. Vitamin C kann das gesunde Pferd selbst in der Leber synthetisieren. Vitamin D entsteht unter dem Einfluss von Sonnenlicht in der Haut. Voraussetzung für diese Eigenversorgung ist jedoch eine funktionierende Darmflora sowie ausreichender Weide- oder Tageslichtkontakt. Der Dünndarm ist somit zwar ein wichtiger Resorptionsort, aber nicht für alle Vitamine gleichermaßen die primäre Versorgungsquelle.
Resorption von Mineralstoffen und Spurenelementen
Mineralstoffe und Spurenelemente werden überwiegend im Dünndarm aufgenommen. Calcium, Phosphor und Magnesium gelangen über spezifische Transportmechanismen in den Blutkreislauf. Ihre Aufnahme ist reguliert und teilweise hormonabhängig. Spurenelemente wie Zink, Kupfer oder Eisen nutzen unterschiedliche Transportwege. Anorganische Verbindungen liegen meist als freie Ionen vor und unterliegen einer engen Regulation. Hier kann der Körper je nach Versorgungslage steuern, welche Stoffe aufgenommen werden sollen und welche nicht.
Organisch gebundene Spurenelemente – beispielsweise Chelate – können teilweise über Aminosäure-Transportwege aufgenommen werden, was die Selektionsmechanismen des Körpers umgeht. Daher ist bei organisch gebundenen Spurenelementen die Gefahr einer Überdosierung höher als bei anorganisch gebundenen. Besonders bei Selen, das nur im engen Rahmen für das Pferd wichtig ist, können Überdosierungen schnell gefährlich werden.
Die Aufnahmefähigkeit ist jedoch nicht unbegrenzt. Hohe Konzentrationen einzelner Mineralstoffe können die Resorption anderer behindern. Hohe Zink-Gaben können beispielsweise die Aufnahme von Kupfer hemmen. Auch hier gilt: Der Dünndarm arbeitet effizient, aber nur innerhalb physiologischer Rahmenbedingungen.
Die Ileozäkalklappe als kontrollierter Übergang
Am Übergang zum Blinddarm befindet sich die Ileozäkalklappe. Diese Ventilstruktur öffnet sich nicht dauerhaft, sondern in größeren zeitlichen Abständen, sodass der Nahrungsbrei portionsweise in den Blinddarm weitergeleitet wird. Bei manchen Pferden lässt sich dieser Vorgang als leises Zischgeräusch im rechten Bauchbereich auskultieren. Die Klappe verhindert, dass Gärinhalt aus dem Blinddarm in den Dünndarm zurückfließt, und sorgt damit für die funktionelle Trennung zwischen enzymatischer Verdauung und mikrobieller Fermentation.
Physiologische Grenzen und praktische Konsequenzen
Die kurze Verweildauer im Dünndarm stellt einen entscheidenden Engpass dar. Innerhalb von weniger als einer Stunde müssen alle enzymatisch verwertbaren Bestandteile entnommen sein. Wird die Kapazität überschritten, verschieben sich Verdauungsprozesse in nachfolgende Darmabschnitte, die dafür ursprünglich nicht vorgesehen sind. Gelangt überschüssige Stärke in den Blinddarm, kann sie dort mikrobiell vergoren werden, was zu pH-Verschiebungen, Gasbildung und Störungen führen kann. Unvollständig gespaltene Proteine oder Fettbestandteile können ebenfalls Fehlprozesse auslösen und den Stoffwechsel belasten.
Fazit
Der Dünndarm ist ein hochaktiver und zeitlich streng begrenzter Abschnitt der Pferdeverdauung. Hier werden leicht verwertbare Nährstoffe enzymatisch aufgeschlossen und aufgenommen. Seine Kapazität ist effizient, aber nicht beliebig erweiterbar. Eine fütterungsphysiologische Orientierung an dieser natürlichen Leistungsgrenze schützt nachfolgende Darmabschnitte vor Fehlbelastungen und erhält die Stabilität des gesamten Verdauungssystems.
