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Der Dickdarm: Energiegewinnung und immunologisches Zentrum

Nachdem der Nahrungsbrei den Blinddarm passiert hat, gelangt er in das Colon, den größten Abschnitt des Dickdarms. Hier gewinnt das Pferd den größten Teil seiner Energie aus Strukturfasern und nimmt zusätzlich wichtige, von Mikroorganismen gebildete Vitamine auf. Während im Dünndarm vor allem enzymatisch verwertbare Nährstoffe sowie Mineralien, Spurenelemente und in der Nahrung vorhandene Vitamine aufgenommen wurden, steht im Dickdarm die mikrobielle Weiterverarbeitung der Faserbestandteile im Mittelpunkt.

Der Dickdarm ist beim Pferd stark geschlungen aufgebaut. Mehrere große Darmbögen und Engstellen sorgen dafür, dass der Darminhalt immer wieder umgelenkt wird. Diese anatomischen Engstellen verändern jeweils den Durchmesser des Darmlumens. Sie dienen der funktionellen Sortierung des Darminhalts, gelten jedoch zugleich als sensible Bereiche innerhalb der Passage, da hier Transport und Durchmischung besonders fein abgestimmt sein müssen.

Weiterfermentation und Energiegewinnung

Im Dickdarm wird die im Blinddarm gestartete mikrobielle Fermentation fortgesetzt. Bakterien bauen hier vor allem Zellulose und Hemizellulose ab. Dabei entstehen flüchtige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat. Diese werden über die Darmwand aufgenommen und stehen dem Organismus als bedeutende Energiequelle zur Verfügung.

Diese Fettsäuren können direkt in den Muskelzellen zur Bildung von ATP genutzt werden. Bei aerober Muskelarbeit – also bei moderater, ausdauernder Bewegung – stellen sie eine äußerst effiziente Energiequelle dar. Das Pferd gewinnt somit einen erheblichen Teil seiner Leistungsfähigkeit nicht aus Zucker und Stärke, sondern aus fermentierten Pflanzenfasern. Dieses Prinzip unterscheidet es grundlegend vom Menschen als Dünndarmverdauer.

Passage, Sortierung und segmentierende Bewegung

Der Dickdarm arbeitet nach einem differenzierten Sortierprinzip. Grundlage dafür sind sogenannte segmentierende Bewegungen. Dabei zieht sich die Darmmuskulatur abschnittsweise ringförmig zusammen. Der Darminhalt wird nicht sofort weitertransportiert, sondern lokal zusammengedrückt, durchmischt und anschließend wieder gelockert. Dieses rhythmische „Kneten“ sorgt für eine intensive Vermengung von Faserpartikeln und Mikroorganismen und verlängert die Kontaktzeit zwischen Substrat und Bakterien.

Feinere Partikel und flüssige Bestandteile werden schneller weitergeleitet, während gröbere Fasern länger im System verbleiben. Diese verlängerte Verweildauer ist physiologisch gewollt, da gröbere Strukturfasern mehr Zeit für den mikrobiellen Abbau benötigen. Voraussetzung ist jedoch eine ausreichende mechanische Zerkleinerung im Maul. Gelangen zu lange oder unzureichend zerkaute Fasern in den Dickdarm, kann die Sortierung aus dem Gleichgewicht geraten. Einzelne Partikel verbleiben länger als vorgesehen, was Fehlgärungen und vermehrte Gasbildung begünstigen kann. Besonders die Strukturfasern in Müslis sind hier problematisch und können zu stärkerer Gasentwicklung führen.

Die geschlungene Bauweise des Dickdarms verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Durch die wiederholte Umlenkung des Darminhalts wechseln sich Transport- und Durchmischungsphasen ab. Die Verweildauer im Dickdarm kann dabei bis zu 36 Stunden betragen. Diese lange Passagezeit ermöglicht eine maximale Energieausbeute aus rohfaserreichem Futter, setzt jedoch ein stabiles mikrobielles Gleichgewicht und eine funktionierende Darmbewegung voraus.

Aufnahme von Fettsäuren, Wasser und Vitaminen

Die im Dickdarm gebildeten flüchtigen Fettsäuren werden aktiv über die Darmwand aufgenommen. Gleichzeitig wird dem Darminhalt schrittweise Wasser entzogen. Durch diese fortschreitende Eindickung verdichtet sich der Faserbrei zunehmend. Die Darmbewegungen formen ihn dabei zu den typischen, runden Kotballen, den sogenannten Pferdeäpfeln. Struktur, Feuchtigkeit und Form dieser Äpfel spiegeln unmittelbar die Funktionsfähigkeit des Dickdarms wider.

Neben Fettsäuren werden auch Vitamine aufgenommen, die von Mikroorganismen gebildet werden, insbesondere Vitamin K sowie Teile des Vitamin-B-Komplexes. Die Resorptionsleistung ist jedoch von einer stabilen mikrobiellen Umgebung abhängig. Veränderungen in der Darmflora können sich daher unmittelbar auf die Nährstoffverfügbarkeit auswirken.

Immunsystem und Darmbarriere

Der Dickdarm ist zugleich ein zentrales immunologisches Organ. Ein großer Teil des darmassoziierten Immunsystems befindet sich in der Darmwand. Spezialisierte Immunzellen überwachen kontinuierlich den Kontakt zwischen Darminhalt und Schleimhaut.

Die Darmwand besteht aus mehreren funktionellen Schichten. Eine schützende Schleimschicht liegt direkt auf der Oberfläche und verhindert den direkten Kontakt zwischen Mikroorganismen und der Darmwand. Darunter befinden sich die Epithelzellen – hochspezialisierte Zellen, die die Darmoberfläche auskleiden und die eigentliche Grenzschicht zwischen Darminhalt und Körper darstellen. Sie sind über sogenannte dichte Zellverbindungen eng miteinander verbunden und regulieren kontrolliert, welche Stoffe in den Organismus gelangen dürfen und welche abgewehrt werden. Diese Barrierefunktion ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der inneren Stabilität.

Die Mikroorganismen stehen in engem Austausch mit diesem System. Ihre Stoffwechselprodukte können regulierend und entzündungshemmend wirken. Gerät das Gleichgewicht jedoch aus der Balance, können vermehrt bakterielle Bestandteile oder Gärprodukte die Schleimhaut reizen und die systemische Entzündungsbereitschaft erhöhen. Der Dickdarm beeinflusst damit nicht nur die Verdauung, sondern auch die allgemeine Widerstandskraft und Stoffwechselstabilität des Pferdes.

Funktionelle Bedeutung im Gesamtsystem

Der Dickdarm ist kein bloßer „Resteverwerter“, sondern das energetische Zentrum des Pferdes. Hier wird aus rohfaserreicher Pflanzenkost nutzbare Energie und Vitamine gewonnen, Wasser rückresorbiert und die Darmbarriere immunologisch kontrolliert. Seine Funktionsfähigkeit hängt maßgeblich von Struktur, Kontinuität der Fütterung und ausreichender Bewegung ab.

Bewegung unterstützt die Darmmotilität, fördert die Durchmischung des Inhalts und stabilisiert den physiologischen Transport. Das gesamte System ist auf Konstanz ausgelegt. Abrupte Futterwechsel oder starke Schwankungen in der Zusammensetzung können dieses fein abgestimmte Gleichgewicht stören.

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