Foto zum Thema

Der Blinddarm: zentrale Gärkammer des Pferdes

Der Blinddarm ist ein zentrales Organ der Pferdeverdauung. Während im Dünndarm die enzymatische Aufspaltung von Stärke, Fett und Eiweiß im Vordergrund steht, beginnt im Blinddarm die eigentliche mikrobielle Verarbeitung der pflanzlichen Fasern. Erst hier wird deutlich, warum das Pferd evolutiv als Faserverdauer einzuordnen ist.

Anatomisch liegt der Blinddarm überwiegend auf der rechten Bauchseite und erreicht ein Volumen von etwa 30 bis 60 Litern. Er stellt damit einen erheblichen Anteil des gesamten Bauchraumes dar. Über die Ileozäkalklappe gelangt der Nahrungsbrei portionsweise aus dem Dünndarm in den Blinddarm. Dieser arbeitet nicht als bloßer Durchgangsabschnitt, sondern als großvolumiger Fermentationsraum mit eigenständiger Funktion.

Mikrobielle Fermentation statt Enzymverdauung

Im Blinddarm findet keine weitere Verdauung durch körpereigene Enzyme statt. Stattdessen übernehmen Milliarden von Mikroorganismen, vor allem Bakterien, daneben auch Hefen und andere mikrobielle Organismen, die weitere Verarbeitung des Futters. Besonders strukturreiche Pflanzenbestandteile wie Zellulose und Hemizellulose werden hier mikrobiell fermentiert.

Im Verlauf dieser Fermentation entstehen flüchtige Fettsäuren wie Essigsäure (Acetat), Propionsäure (Propionat) und Buttersäure (Butyrat). Diese Fettsäuren stellen eine wesentliche Energiequelle für das Pferd dar. Die Hauptaufnahme dieser Fettsäuren erfolgt jedoch im nachfolgenden Colon. Der Blinddarm ist daher primär Produktions und Durchmischungsraum, weniger ein Resorptionsorgan.

Im Gegensatz zum Dünndarm besitzt der Blinddarm keine Darmzotten. Seine Schleimhaut ist nicht auf schnelle Nährstoffaufnahme spezialisiert, sondern auf Stabilität und mikrobielle Aktivität ausgelegt.

Durchmischung als zentrales Funktionsprinzip

Der Blinddarm ist kein statischer Gärbehälter, sondern ein hochdynamisches Mischsystem. Entscheidend für seine Funktion sind rhythmische Kontraktionen der Darmwand, die den Inhalt kontinuierlich bewegen. Dabei entstehen komplexe Strömungsmuster mit auf und absteigenden Bewegungen sowie kreisenden Umläufen innerhalb des Blinddarmvolumens.

Diese Bewegungen sorgen dafür, dass der Nahrungsbrei intensiv mit den Mikroorganismen in Kontakt kommt. Pflanzenfasern, die aus dem Dünndarm eintreten, werden nicht einfach weitergeschoben, sondern mehrfach umgewälzt, durchmischt und erneut mikrobiell besiedelt. Gleichzeitig vermehren sich die Mikroben im vorhandenen Substrat. Der Blinddarm ist somit nicht nur Gärkammer, sondern auch Wachstumsraum für die mikrobielle Population.

Diese kontinuierliche Durchmischung erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie stabilisiert den Fermentationsprozess, verhindert lokale Überfermentation einzelner Substrate und sorgt für eine gleichmäßige pH Verteilung im gesamten Blinddarminhalt. Nur wenn das Substrat homogen verteilt ist, können die Mikroorganismen effizient arbeiten.

Bewegung des Pferdes unterstützt diesen Mechanismus wesentlich. Schrittbewegung mit aktiver Bauch und Rückenmuskulatur fördert die Darmmotorik und damit die Durchmischung des Blinddarminhalts. Bewegungsmangel kann die Darmtätigkeit verlangsamen und die physikalische Verteilung des Inhalts beeinträchtigen. Damit wird deutlich, dass Verdauung nicht nur von Futterqualität, sondern auch von Haltungsbedingungen abhängt.

Sensibles Gleichgewicht

Der Blinddarm reagiert empfindlich auf Veränderungen der Ration. Gelangen größere Mengen schnell fermentierbarer Kohlenhydrate, etwa Stärke oder hohe Zuckermengen, in diesen Abschnitt, werden sie rasch mikrobiell umgesetzt. Dabei kann es zu vermehrter Säurebildung kommen, was den pH Wert absinken lässt.

Eine pH Verschiebung verändert die Zusammensetzung der Mikrobenpopulation. Bestimmte Bakterien werden verdrängt, andere vermehren sich übermäßig. Diese Dysbalance, auch Dysbiose genannt, beeinträchtigt die Faserverdauung und kann die Stabilität des gesamten Verdauungssystems schwächen.

Funktionelle Einordnung

Der Blinddarm markiert den Übergang von der enzymatischen zur mikrobiellen Verdauung. Er ist das Bindeglied zwischen Dünndarm und Colon und bildet die Grundlage für die Energiegewinnung aus strukturreichem Raufutter. Seine Leistungsfähigkeit hängt entscheidend von einer stabilen mikrobiellen Besiedlung, ausreichender Struktur im Futter und regelmäßiger Darmbewegung ab.

Beratungsleistungen
Sie möchten die Fütterung Ihres Pferdes optimieren, eine osteopathische Behandlung in Anspruch nehmen oder Ihre Weide bzw. Ihren Offenstall gezielt verbessern? Gerne unterstütze ich Sie dabei mit Erfahrung und Fachwissen. Kontaktieren Sie mich telefonisch unter 0177/2164334 oder 06106/2593086 oder per E-Mail an mw@tier-in-balance.com. Ich freue mich darauf, Sie und Ihr Pferd kennenzulernen.
Tipps & Tricks rund um die Pferdefütterung
Regelmäßig als E-Mail in Ihrem Postfach

Wir verwenden Ihre E-Mail-Adresse ausschließlich für den Versand unseres Newsletters. Eine Weitergabe an Dritte außerhalb der Versendung ist nicht geplant. Ausführlichere Informationen finde Sie in unserer Datenschutzbestimmung .