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Stress und Magengeschwüre – wenn der Alarmmodus den Magen angreift

In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir uns angeschaut, wie das Stresssystem des Pferdes funktioniert und warum ein Mechanismus, der ursprünglich für kurze Fluchtreaktionen entwickelt wurde, bei vielen Pferden heute dauerhaft aktiv ist. Was in der Steppe vor 20.000 Jahren ein überlebenswichtiger Vorteil war, kann im modernen Alltag von Pferden zu einem Problem werden. Besonders deutlich zeigt sich das im Magen.

Der Magen des Pferdes ist ein empfindliches Organ (=> genauere Beschreibung der Funktionsweise des Magens). Er arbeitet in einem System, das auf kontinuierliche Futteraufnahme, regelmäßige Bewegung und stabile physiologische Abläufe ausgelegt ist. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, gehört der Magen zu den Organen, die besonders schnell reagieren.

Stress spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele Magengeschwüre beim Pferd entstehen nicht allein durch Fütterungsfehler oder zu lange Fresspausen, sondern durch die Kombination aus Stressreaktionen des Körpers und den besonderen Eigenschaften des Pferdemagens.

Um zu verstehen, warum Stress den Magen angreifen kann, muss man sich zunächst die biologische Funktion der Stressreaktion ansehen. Evolutionär ist dieser Mechanismus dafür gedacht, kurzfristig auf Gefahr zu reagieren. Ein Wildpferd, das ein Raubtier bemerkt, aktiviert innerhalb von Sekunden ein komplexes hormonelles System, das den Körper auf Flucht vorbereitet.

Dabei werden über das Nervensystem und die hormonelle Stressachse Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Kurz darauf wird über die Hypophyse auch ACTH freigesetzt, das wiederum die Produktion von Cortisol anregt. Diese Hormone erhöhen die Leistungsfähigkeit von Herz, Lunge und Muskulatur und sorgen dafür, dass der Körper schnell große Energiemengen mobilisieren kann.

In einer natürlichen Situation ist diese Stressreaktion nur von kurzer Dauer. Sobald die Gefahr vorbei ist und das Pferd wieder zur Ruhe kommt, normalisieren sich die hormonellen Abläufe. Verdauung, Durchblutung und Stoffwechsel kehren wieder in ihren normalen Zustand zurück.

Problematisch wird Stress erst dann, wenn dieser Alarmzustand über längere Zeit bestehen bleibt – etwa durch Schmerzen, soziale Konflikte, Bewegungsmangel oder dauerhafte Überforderung. Dann wirken dieselben biologischen Mechanismen nicht mehr kurzfristig schützend, sondern beginnen, den Organismus zu belasten. Besonders empfindlich reagiert in diesem Zusammenhang der Magen.

Stress verändert die Schutzmechanismen des Magens

Ein zentraler Bestandteil der Stressreaktion ist die Umverteilung der Blutversorgung im Körper. Während Muskulatur, Herz und Gehirn stärker durchblutet werden, erhält der Verdauungstrakt deutlich weniger Blut. Für eine Fluchtsituation ist das sinnvoll – der Körper konzentriert seine Energie auf Bewegung und Reaktion.

Solange dieser Zustand nur kurz anhält, stellt er kein Problem dar. Bei dauerhaft erhöhtem Stress kann die reduzierte Durchblutung jedoch Folgen für die Verdauungsorgane haben. Besonders die Schleimhaut des Magens ist stark auf eine stabile Blutversorgung angewiesen. Über das Blut werden Sauerstoff, Nährstoffe und Reparaturmechanismen bereitgestellt. Gleichzeitig unterstützt eine gute Durchblutung die Produktion von Schleim und Bicarbonat, die gemeinsam eine Schutzschicht gegen die aggressive Magensäure bilden.

Sinkt die Durchblutung der Schleimhaut über längere Zeit, werden diese Schutzmechanismen schwächer. Die Schleimschicht kann dünner werden, die Regeneration der Schleimhautzellen verlangsamt sich und die Stabilität der Schleimhautbarriere nimmt insgesamt ab. Gleichzeitig bleibt die Produktion der Magensäure unverändert aktiv. Der Pferdemagen produziert kontinuierlich Säure, unabhängig davon, ob der Körper gerade unter Stress steht oder nicht.

Solange die Schutzmechanismen der Schleimhaut intakt sind, stellt diese Säure kein Problem dar. Werden diese Schutzmechanismen jedoch durch anhaltenden Stress geschwächt, kann die Säure zunehmend reizend auf die Schleimhaut wirken.

Besonders empfindlich reagiert dabei der Bereich des Magenausgangs. In diesem Abschnitt verbleibt der Mageninhalt vergleichsweise lange, bevor er portionsweise in den Dünndarm weitergeleitet wird. Dadurch wirkt die Magensäure hier oft länger auf die Schleimhaut ein als in anderen Bereichen des Magens.

Wenn gleichzeitig durch Stress die Durchblutung reduziert und die Schleimhautbarriere geschwächt ist, entsteht eine Situation, in der dieser Bereich besonders anfällig für Reizungen und entzündliche Veränderungen wird.

Stress kann zudem die Bewegungsabläufe des Magens beeinflussen. Wird die Weitergabe des Nahrungsbreis in den Dünndarm verlangsamt, verlängert sich die Kontaktzeit zwischen Säure und Schleimhaut zusätzlich. Diese Kombination aus verminderter Schutzfunktion und längerer Säureeinwirkung erklärt, warum stressbedingte Magengeschwüre beim Pferd häufig im Bereich des Magenausgangs auftreten.

Ein Teufelskreis aus Stress und Schmerz

Magengeschwüre sind nicht nur eine Folge von Stress – sie können selbst wieder Stress auslösen. Entzündete oder geschädigte Schleimhäute verursachen Schmerzen, besonders während der Futteraufnahme, bei Bewegung oder unter Belastung.

Schmerz aktiviert wiederum dieselben biologischen Stressmechanismen wie eine äußere Bedrohung. Der Sympathikus wird aktiv, Stresshormone werden ausgeschüttet und die Durchblutung des Verdauungssystems sinkt erneut. Gleichzeitig steigt die Cortisolproduktion, wodurch die Regeneration der Schleimhaut zusätzlich gebremst werden kann.

Der Körper gerät dadurch in einen Kreislauf: Stress schwächt die Schutzmechanismen des Magens, die Schleimhaut wird anfälliger für Schäden, Schmerzen entstehen und verstärken wiederum die Stressreaktion. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen kann sich dieser Prozess über Wochen oder Monate stabilisieren und die Heilung deutlich erschweren.

Behandlung und nachhaltige Lösungen

Wenn Magengeschwüre vermutet werden, ist es zunächst wichtig, mögliche Stressfaktoren im Alltag des Pferdes zu erkennen. Dazu gehören unter anderem soziale Konflikte, Bewegungsmangel, Trainingsüberforderung oder auch Schmerzen durch andere gesundheitliche Probleme. Eine nachhaltige Verbesserung kann meist nur erreicht werden, wenn diese Ursachen Schritt für Schritt reduziert werden.

Bei akuten Beschwerden kann es sinnvoll sein, den Magen kurzfristig zu unterstützen. In der Praxis hat sich gekochter Leinsamen bewährt, da der entstehende Schleim eine schützende Schicht über die Magenschleimhaut legen kann. Gerade bei gereizter Schleimhaut kann dies helfen, den direkten Kontakt mit der Magensäure zu reduzieren.

Zusätzlich kann für einige Tage eine kleine Menge Natron eingesetzt werden, um überschüssige Magensäure zu puffern und die Schleimhaut kurzfristig zu entlasten. Dies sollte jedoch nur vorübergehend erfolgen, da der Magen langfristig wieder zu seinem natürlichen Gleichgewicht zurückfinden muss.

Zur Unterstützung der Schleimhautregeneration kann auch ein speziell auf den Magen abgestimmtes Ergänzungsfuttermittel sinnvoll sein. Produkte wie GasterCare von OKAPI sind darauf ausgerichtet, die Schleimhautheilung zu unterstützen und die natürliche Schutzfunktion des Magens zu stabilisieren.

Entscheidend ist jedoch, dass solche Maßnahmen nur dann dauerhaft erfolgreich sein können, wenn die zugrunde liegenden Stressfaktoren reduziert werden. Der Pferdemagen ist ein Teil eines komplexen biologischen Systems – und dieses System funktioniert nur dann stabil, wenn Bewegung, soziale Struktur, Belastung und Verdauung im Gleichgewicht stehen.

Fazit

Stress ist für den Pferdekörper kein isoliertes Gefühl, sondern ein tiefgreifender biologischer Zustand. Wird das Stresssystem dauerhaft aktiviert, verändert sich die Durchblutung, die Hormonlage und die Schutzmechanismen der Verdauungsorgane. Besonders der Magen reagiert empfindlich auf diese Veränderungen.

Während kurzfristiger Stress für ein Wildpferd kein Problem darstellt, kann Dauerstress bei heutigen Pferden dazu führen, dass die Magenschleimhaut zunehmend anfälliger wird. Reduzierte Durchblutung, eine geschwächte Schleimbarriere und eine unverändert aktive Säureproduktion schaffen gemeinsam Bedingungen, unter denen sich Magengeschwüre entwickeln können.

Eine nachhaltige Behandlung darf sich deshalb nicht nur auf den Magen selbst konzentrieren. Entscheidend ist immer der Blick auf das gesamte System: Haltung, soziale Situation, Bewegung, Trainingsbelastung und Fütterung beeinflussen gemeinsam das Stressniveau des Pferdes.

Wer Magengeschwüre wirklich langfristig verhindern oder heilen möchte, behandelt deshalb nicht nur den Magen – sondern reduziert vor allem die Stressfaktoren im Leben des Pferdes.