Stress und Pseudo-Cushing – wenn das Stresssystem den Körper verändert
In den vorherigen Artikeln dieser Reihe haben wir uns mit dem Stresssystem des Pferdes und seinen Auswirkungen auf Verdauung und Immunsystem beschäftigt. Dabei wurde deutlich, dass Stress weit mehr ist als eine kurzfristige Reaktion auf äußere Reize. Bleibt das Stresssystem über längere Zeit aktiv, verändert es zentrale Regulationsmechanismen im gesamten Körper.
Ein Bereich, in dem diese Veränderungen besonders deutlich sichtbar werden, ist das Hormonsystem. Hier kann es zu Zuständen kommen, die stark an das bekannte Cushing-Syndrom erinnern – obwohl keine klassische Erkrankung der Hypophyse vorliegt. In solchen Fällen spricht man häufig von einem sogenannten Pseudo-Cushing. Im Gegensatz zum echten Cushing-Syndrom, das vor allem bei älteren Pferden auftritt, können solche stressbedingten Veränderungen auch bei deutlich jüngeren Pferden beobachtet werden.
Das Stresssystem als hormonelle Steuerzentrale
Das Stresssystem des Pferdes wird über die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse gesteuert. Wird ein Stressreiz wahrgenommen, sendet der Hypothalamus Signale an die Hypophyse, die daraufhin das Hormon ACTH ausschüttet. ACTH wiederum regt die Nebennieren zur Produktion von Cortisol an. Dieses System ist darauf ausgelegt, kurzfristig zu reagieren. Cortisol stellt Energie bereit, erhöht den Blutzuckerspiegel, beeinflusst das Immunsystem und hilft dem Körper, mit akuten Belastungen umzugehen. Sobald der Stress nachlässt, normalisiert sich diese hormonelle Aktivität wieder.
Problematisch wird es dann, wenn dieser Zustand nicht mehr endet. Bleibt das Stresssystem dauerhaft aktiv, bleibt auch die Ausschüttung von ACTH und Cortisol erhöht. Der Körper befindet sich dann nicht mehr in einer kurzfristigen Anpassung, sondern in einem chronischen Stresszustand, der zunehmend in andere Körpersysteme hineinwirkt.
Wenn Stress zum Dauerzustand wird
Viele Pferde sind heute nicht nur gelegentlichen Stresssituationen ausgesetzt, sondern erleben eine Vielzahl von Belastungen im Alltag. Schmerzen, eingeschränkte Bewegung, soziale Spannungen oder auch Stoffwechselprobleme können dazu führen, dass das Stresssystem dauerhaft aktiviert bleibt. In solchen Situationen arbeitet die hormonelle Steuerung nicht mehr in klar abgegrenzten Phasen, sondern auf einem konstant erhöhten Niveau.
ACTH bleibt erhöht, Cortisol wird kontinuierlich ausgeschüttet und beeinflusst langfristig zahlreiche Prozesse im Körper. Genau hier beginnt die Entwicklung eines Zustands, der dem klassischen Cushing-Syndrom in vielen Punkten ähnelt – ohne dass eine strukturelle Erkrankung der Hypophyse vorliegt.
Wie typische Cushing-Symptome entstehen
Die typischen Symptome, die man vom klassischen Cushing kennt, entstehen nicht durch das Hormon ACTH selbst, sondern durch die langfristigen Auswirkungen von Cortisol auf den Körper. Bleibt das Stresssystem dauerhaft aktiv, wird auch Cortisol kontinuierlich ausgeschüttet und verändert zentrale Stoffwechselprozesse.
Es sorgt unter anderem dafür, dass vermehrt Glucose im Blut zur Verfügung steht. Gleichzeitig beeinflusst es die Wirkung von Insulin, sodass sich über längere Zeit eine Insulinresistenz entwickeln kann – ein zentraler Risikofaktor für Hufrehe. Auch der Muskelstoffwechsel reagiert empfindlich auf dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel. Cortisol fördert den Abbau von körpereigenem Eiweiß, um Energie bereitzustellen. Dadurch kann Muskulatur verloren gehen, während das Pferd gleichzeitig an anderer Stelle Fett einlagert. Es entsteht das typische Bild eines scheinbar gut genährten, aber dennoch abgebauten Pferdes.
Ein weiteres auffälliges Symptom ist das veränderte Fellwachstum. Der Fellwechsel wird hormonell gesteuert und reagiert sensibel auf Veränderungen im Hormonsystem. Bleibt das Stresssystem dauerhaft aktiv, gerät diese Regulation aus dem Gleichgewicht. Das Fell wird länger, dichter und wechselt oft verzögert oder unvollständig.
Solche Symptome werden häufig mit dem klassischen Cushing-Syndrom in Verbindung gebracht, das vor allem bei älteren Pferden auftritt. In der Praxis zeigen jedoch auch jüngere Pferde ähnliche Veränderungen, wenn ihr Stresssystem über längere Zeit stark belastet ist.
Pseudo-Cushing – funktionelle Störung statt Erkrankung
Der entscheidende Unterschied zwischen einem echten Cushing-Syndrom (PPID) und einem stressbedingten Pseudo-Cushing liegt in der Ursache. Beim klassischen Cushing handelt es sich um eine Erkrankung der Hypophyse, die überwiegend bei älteren Pferden auftritt und die hormonelle Regulation dauerhaft verändert. Diese Veränderung ist strukturell bedingt und in der Regel nicht vollständig reversibel.
Beim Pseudo-Cushing dagegen liegt keine solche strukturelle Erkrankung vor. Das Hormonsystem reagiert vielmehr auf anhaltende Belastungen. Das Stresssystem bleibt aktiv, und die hormonellen Veränderungen sind Ausdruck dieser Dauerbelastung. Solche Zustände können auch bei jüngeren Pferden auftreten und werden in der Praxis häufig deutlich früher sichtbar, als es bei einem echten Cushing der Fall wäre.
Das bedeutet auch, dass dieser Zustand grundsätzlich beeinflussbar ist – vorausgesetzt, die auslösenden Faktoren werden erkannt und verändert.
Prascend – sinnvoll oder vorschnell eingesetzt?
In der Behandlung des klassischen Cushing-Syndroms beim Pferd wird häufig das Medikament Prascend eingesetzt. Der Wirkstoff Pergolid greift in die hormonelle Steuerung der Hypophyse ein und reduziert die Ausschüttung von ACTH. Dadurch lassen sich viele der typischen Symptome deutlich verbessern, insbesondere wenn tatsächlich eine Erkrankung der Hypophyse vorliegt.
Dieser Effekt kann auch bei Pferden auftreten, deren ACTH-Spiegel durch Stress oder andere Belastungen erhöht ist. Wird die ACTH-Produktion gesenkt, reduziert sich auch die nachgeschaltete Cortisolwirkung im Körper. Symptome wie Stoffwechselprobleme, Fellveränderungen oder eine erhöhte Infektanfälligkeit können sich dadurch verbessern.
Gleichzeitig ist es entscheidend, die Ursache dieser hormonellen Veränderungen zu betrachten. Während beim klassischen Cushing-Syndrom eine strukturelle Erkrankung der Hypophyse vorliegt, handelt es sich bei stressbedingten Veränderungen um eine funktionelle Reaktion des Körpers auf dauerhafte Belastung.
Medikamente wie Prascend sind insbesondere dann sinnvoll und notwendig, wenn eine echte PPID vorliegt. Bei stressbedingten Veränderungen kann es jedoch wichtiger sein, zunächst die zugrunde liegenden Ursachen gezielt anzugehen, bevor eine medikamentöse Behandlung erfolgt. Chronischer Stress, Schmerzen, Haltungsbedingungen oder Stoffwechselbelastungen wirken weiterhin auf den Organismus ein, solange sie nicht verändert werden.
Eine Verbesserung der Haltungsbedingungen, eine Reduktion von Stressoren, eine angepasste Fütterung und die Behandlung möglicher Schmerzquellen sind zentrale Bausteine, um das hormonelle Gleichgewicht langfristig zu stabilisieren. Die Entscheidung über eine medikamentöse Behandlung sollte dabei immer in enger Abstimmung mit dem behandelnden Tierarzt erfolgen.
Wenn das Stresssystem den Körper dauerhaft prägt
Pseudo-Cushing zeigt eindrücklich, wie tiefgreifend Stress in die Physiologie des Pferdes eingreifen kann. Was ursprünglich als kurzfristige Anpassung gedacht ist, wird bei dauerhafter Aktivierung zu einem Zustand, der den gesamten Stoffwechsel verändert.
Die Symptome sind dabei oft nur die sichtbare Oberfläche. Dahinter steht ein Organismus, der über längere Zeit versucht, mit einer dauerhaften Belastung umzugehen. Wer diese Zusammenhänge versteht, erkennt, dass es bei der Behandlung solcher Zustände nicht nur um einzelne Symptome geht, sondern darum, das Stresssystem selbst wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.
