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Stress und Stoffwechsel – wenn der Körper dauerhaft im Ausnahmezustand arbeitet

Ein Pferd im Stress verändert nicht nur sein Verhalten. Es verändert seinen gesamten inneren Zustand. Was von außen als Nervosität, Leistungsabfall oder körperliche Veränderung sichtbar wird, ist im Inneren ein tiefgreifender Umbau des Stoffwechsels. Der Organismus verschiebt seine Prioritäten. Energie wird mobilisiert, Reserven werden aktiviert, Aufbauprozesse werden zurückgestellt. Kurzfristig ist das sinnvoll. Wird dieser Zustand jedoch zum Dauerzustand, beginnt sich das Gleichgewicht des gesamten Stoffwechsels zu verschieben.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Hormon Cortisol. Es wirkt wie ein übergeordneter Schalter, der entscheidet, in welchem Modus der Körper arbeitet. Unter seinem Einfluss wird Glucose vermehrt aus körpereigenen Reserven bereitgestellt. Gleichzeitig verändert sich der Umgang mit Eiweiß und Fett. Strukturen werden abgebaut, um Energie verfügbar zu machen. Der Körper verhält sich so, als müsse er jederzeit auf eine Belastung reagieren – auch dann, wenn diese Belastung längst nicht mehr akut ist.

Wenn das Insulinsystem aus dem Gleichgewicht gerät

Die kontinuierliche Bereitstellung von Glucose hat unmittelbare Auswirkungen auf die Regulation durch Insulin. Unter normalen Bedingungen sorgt Insulin dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen aufgenommen wird. Es bindet an spezifische Rezeptoren an der Zelloberfläche und löst dort eine Signalkaskade aus, die den Transport von Glucose in die Zelle ermöglicht. Dieser Prozess ist hochreguliert und fein abgestimmt.

Bleibt der Blutzuckerspiegel jedoch dauerhaft erhöht, wird das System überlastet. Der Körper reagiert zunächst mit einer gesteigerten Insulinausschüttung. Die Zellen werden immer wieder mit hohen Insulinspiegeln konfrontiert. Mit der Zeit verändert sich ihre Reaktion. Die Signalübertragung nach der Bindung von Insulin an seinen Rezeptor funktioniert nicht mehr zuverlässig. Die Zellen „hören“ gewissermaßen nicht mehr richtig auf das Insulin. In der Fachsprache spricht man von einer Insulinresistenz – einem Zustand, in dem Gewebe trotz vorhandenen oder sogar erhöhten Insulins weniger empfindlich reagieren.

Die Folge ist ein paradox wirkender Zustand: Zucker ist im Blut reichlich vorhanden, gleichzeitig erreichen die Zellen diesen nicht mehr in ausreichendem Maße. Der Körper versucht gegenzusteuern, indem er noch mehr Insulin produziert. Dadurch bleibt nicht nur der Blutzucker erhöht, sondern auch das Insulin selbst. Diese Kombination wirkt sich auf viele Systeme gleichzeitig aus – insbesondere auf Gefäße, Entzündungsprozesse und die Regulation von Geweben.

Ein Stoffwechsel im Abbaumodus

Parallel zu diesen Veränderungen greift der Körper zunehmend auf körpereigene Substanz zurück. Cortisol fördert gezielt den Abbau von Eiweiß, insbesondere in der Muskulatur. Die freigesetzten Aminosäuren werden in der Leber zur Glucoseproduktion genutzt. Dieser Prozess ist evolutionsbiologisch sinnvoll – er sichert Energie, wenn keine Nahrung verfügbar ist.

Unter chronischem Stress führt dieser Mechanismus jedoch dazu, dass der Körper sich selbst abbaut. Die Muskulatur verliert an Substanz, besonders sichtbar in der Oberlinie. Gleichzeitig kann es zu einer veränderten Fettverteilung kommen, da Fettgewebe hormonell anders reguliert wird als Muskelgewebe. Es entsteht das typische Bild eines Pferdes, das äußerlich nicht zwingend abgemagert wirkt, aber dennoch an Stabilität und Tragfähigkeit verliert.

Diese Prozesse sind keine isolierten Erscheinungen, sondern Teil eines übergeordneten Stoffwechselzustands, der auf dauerhafte Energiebereitstellung ausgelegt ist.

Wenn hormonelle Signale die Hufe erreichen

Besonders deutlich werden die Auswirkungen dieses gestörten Stoffwechsels im Huf. Die Huflederhaut besteht aus hochspezialisierten Lamellenstrukturen, die das Hufbein in der Hufkapsel aufhängen. Diese Strukturen sind auf eine stabile Durchblutung, eine intakte Zellfunktion und ein fein abgestimmtes Gleichgewicht zwischen Aufbau- und Abbauprozessen angewiesen.

Gerät der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht, wirken mehrere Faktoren gleichzeitig auf dieses System ein. Ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel beeinflusst die Gefäßregulation und die Zellfunktion in der Huflederhaut. Gleichzeitig verändert Cortisol die Durchblutung und begünstigt Prozesse, die die Gewebestabilität schwächen. Die Zellen der Lamellen geraten unter Stress, ihre Versorgung verschlechtert sich und ihre Funktion wird zunehmend instabil.

In diesem Zustand reicht oft ein zusätzlicher Reiz aus, um eine akute Entzündungsreaktion auszulösen. Stoffwechselveränderungen, hormonelle Dysbalancen und gestörte Durchblutung führen dazu, dass entzündliche Prozesse aktiviert werden. Immunzellen wandern in das Gewebe ein, entzündungsfördernde Botenstoffe werden freigesetzt und die feinen Verbindungen innerhalb der Lamellen beginnen sich zu lösen.

Diese Entzündungsreaktion ist der eigentliche Wendepunkt. Die Stabilität der Lamellen geht verloren, die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel wird geschwächt und kann im weiteren Verlauf teilweise oder vollständig versagen. Das Hufbein verliert seinen festen Halt innerhalb der Hufkapsel – der zentrale Mechanismus der Hufrehe.

Hufrehe ist damit häufig nicht das Ergebnis eines einzelnen Auslösers, sondern das sichtbare Endstadium einer länger andauernden Entwicklung. Der Stoffwechsel ist bereits aus dem Gleichgewicht geraten, die Gewebe sind vorgeschädigt und das System befindet sich in einem labilen Zustand. Stress wirkt in diesem Zusammenhang nicht nur als Begleitfaktor, sondern als treibende Kraft, die diese Entwicklung über hormonelle und stoffwechselbedingte Prozesse maßgeblich mit beeinflusst.

Die unterschätzte Rolle der Darmflora

Der Stoffwechsel des Pferdes ist eng mit der Darmflora verknüpft. Die Mikroorganismen im Dickdarm sind nicht nur für die Verdauung verantwortlich, sondern produzieren auch essenzielle Cofaktoren für den Stoffwechsel. Dazu gehören unter anderem die Vitamine B6 und B12.

Vitamin B6 ist an zahlreichen enzymatischen Reaktionen beteiligt, insbesondere an der sogenannten Biotransformation. Dabei werden Stoffwechselprodukte, aber auch körpereigene Abbauprodukte so verändert, dass sie weiterverarbeitet oder ausgeschieden werden können. Gerade in einem Zustand erhöhten Eiweißabbaus und gesteigerter Stoffwechselaktivität ist dieser Mechanismus von zentraler Bedeutung. Ist die Versorgung mit B6 eingeschränkt, können sich Zwischenprodukte anreichern und den Stoffwechsel zusätzlich belasten.

Vitamin B12 spielt eine entscheidende Rolle bei der Zellteilung, der Blutbildung und der Funktion des Nervensystems. Es ist notwendig für die Reifung roter Blutkörperchen und für die Stabilität von Nervenstrukturen. Eine gestörte Versorgung kann sich daher sowohl körperlich als auch im Verhalten zeigen – etwa durch verminderte Leistungsfähigkeit, verzögerte Regeneration oder eine erhöhte Stressanfälligkeit.

Verändert sich die Darmflora unter Stress, verändert sich auch die Verfügbarkeit dieser Vitamine. Damit verliert der Körper nicht nur an Stabilität, sondern auch an seiner Fähigkeit, Stoffwechselprozesse sauber zu regulieren.

Ein System, das sich selbst verstärkt

Die beschriebenen Prozesse greifen ineinander. Cortisol erhöht den Blutzucker, der Blutzucker beeinflusst das Insulin, Insulin wirkt auf Gefäße und Gewebe, daraus entstehen Veränderungen in Muskulatur und Huf. Gleichzeitig wirken diese Veränderungen zurück auf das Stresssystem. Entzündungen, Schmerzen oder energetische Dysbalancen verstärken wiederum die Stressreaktion.

Es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Der Körper bleibt in einem Zustand, der ursprünglich nur für kurze Zeit gedacht war, sich aber zunehmend verfestigt.

Wenn Stress zum Stoffwechselproblem wird

Stress ist damit kein Randfaktor im Stoffwechsel des Pferdes, sondern ein zentraler Steuermechanismus. Er beeinflusst, wie Energie bereitgestellt wird, wie Gewebe aufgebaut oder abgebaut werden und wie stabil die inneren Regulationssysteme funktionieren.

Viele Probleme, die im Alltag isoliert erscheinen – Muskelabbau, Hufprobleme, Leistungsabfall oder Stoffwechselstörungen – sind in Wirklichkeit Ausdruck eines Systems, das über längere Zeit aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wer diese Zusammenhänge versteht, erkennt, dass es nicht ausreicht, einzelne Symptome zu behandeln. Entscheidend ist, das zugrunde liegende System wieder zu stabilisieren – und damit die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass der Körper überhaupt wieder in ein Gleichgewicht finden kann.

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