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Stress und Darmerkrankungen – wenn das Verdauungssystem aus dem Gleichgewicht gerät

Das Verdauungssystem des Pferdes gehört zu den empfindlichsten Bereichen seines Körpers. Milliarden von Mikroorganismen arbeiten im Dickdarm zusammen, um Faserstoffe zu fermentieren, Energie bereitzustellen und wichtige Vitamine zu produzieren (=> Funktionsweise der Darmflora). Gleichzeitig befindet sich ein großer Teil des Immunsystems in der Darmwand. Der Darm ist damit nicht nur ein Verdauungsorgan, sondern auch ein zentrales immunologisches Steuerzentrum des Körpers.

Gerät das Stresssystem des Pferdes in Aktivität, verändern sich zahlreiche physiologische Prozesse gleichzeitig (=> Stress im Pferdekörper). Die Durchblutung der Verdauungsorgane nimmt ab, die Darmfunktion verändert sich und auch die Schutzmechanismen der Schleimhäute geraten unter Druck. Kurzfristig stellt das kein Problem dar. In der Natur dauern Stresssituationen meist nur kurze Zeit an. Sobald das Pferd wieder zur Ruhe kommt, stabilisieren sich Verdauung und Darmfunktion von selbst.

Anders verhält es sich bei länger anhaltendem Stress (=> Das Pferd im Dauerstress). Dann verschiebt sich das empfindliche Gleichgewicht im Verdauungssystem Schritt für Schritt. Genau an dieser Stelle beginnen viele Probleme, die sich später als Kotwasser, Verdauungsstörungen oder eine instabile Darmflora zeigen.

Stress und die empfindliche Darmbarriere

Die Innenwand des Darms bildet eine hochspezialisierte Barriere zwischen dem Darminhalt und dem Körperinneren. Sie besteht aus mehreren Schutzschichten. Eine Schleimschicht trennt den Darminhalt von den Darmepithelzellen. Darunter liegen dicht miteinander verbundene Zellschichten, die durch sogenannte Tight Junctions zusammengehalten werden. Diese Strukturen sorgen dafür, dass nur ausgewählte Stoffe aus dem Darm in den Körper gelangen.

Unter stabilen Bedingungen arbeitet dieses System äußerst zuverlässig. Die Darmwand lässt Nährstoffe passieren, während Bakterien, Toxine oder größere Moleküle im Darmlumen verbleiben. Stress greift jedoch in dieses fein abgestimmte Gleichgewicht ein.

Aktiviert sich das Stresssystem, verändert sich die Durchblutung der Verdauungsorgane. Der Körper priorisiert die Versorgung von Muskulatur und Gehirn, während die Verdauungsorgane weniger stark durchblutet werden. Hält dieser Zustand länger an, verlangsamt sich die Regeneration der Darmschleimhaut. Gleichzeitig verändert sich die Schleimproduktion. Wird die schützende Schleimschicht dünner, verlieren die empfindlichen Darmzellen einen Teil ihres Schutzes gegenüber dem Darminhalt.

Auch die Tight Junctions reagieren empfindlich auf solche Veränderungen. Diese Zellverbindungen bestimmen normalerweise sehr präzise, welche Stoffe und Flüssigkeitsmengen zwischen den Darmzellen hindurchtreten dürfen. Unter chronischem Stress lockern sich diese Verbindungen teilweise. Die Darmwand verliert dadurch einen Teil ihrer Barrierefunktion.

Bakterielle Bestandteile und Stoffwechselprodukte aus dem Darminhalt gelangen nun leichter in die Schleimhaut. Das Immunsystem reagiert darauf mit Abwehrreaktionen. Wird die Darmschleimhaut über längere Zeit immer wieder mit solchen Reizen konfrontiert, kann sich eine dauerhafte Entzündungsaktivität in der Darmwand entwickeln, die sich zunehmend auf weitere Bereiche der Darmschleimhaut ausdehnt. Die Schleimhaut befindet sich dann gewissermaßen in einem permanenten Alarmzustand.

Solche Veränderungen bleiben für das Pferd nicht folgenlos. Manche Tiere reagieren empfindlicher im Bauchbereich oder zeigen Schmerzen bei Berührung der Flanken. Auch Durchfall oder Kotwasser treten häufiger auf, wenn entzündliche Prozesse die Funktion der Darmschleimhaut beeinträchtigen und die Regulation von Flüssigkeit und Elektrolyten im Darm aus dem Gleichgewicht gerät.

Wenn sich die Darmflora verschiebt

Die Darmflora reagiert äußerst sensibel auf Veränderungen im inneren Milieu des Darms. Unter stabilen Bedingungen bildet sie ein komplexes Ökosystem, in dem viele unterschiedliche Mikroorganismen zusammenarbeiten. Stress verändert jedoch die Lebensbedingungen dieser mikrobiellen Gemeinschaft. Eine verringerte Durchblutung der Darmwand, Veränderungen der Schleimschicht und eine veränderte Aktivität des Immunsystems verschieben das Gleichgewicht im Darmmilieu. Einige Bakterienarten vermehren sich unter diesen Bedingungen stärker, während andere zurückgedrängt werden.

Verschiebt sich das mikrobiologische Gleichgewicht, verändert sich auch die Fermentation im Dickdarm. Bestimmte Substrate werden schneller umgesetzt, andere langsamer. Dabei entstehen häufig größere Mengen Gas. Viele Pferde reagieren darauf mit Blähungen oder einem aufgebläht wirkenden Bauch. In stärker ausgeprägten Fällen wird die Verdauung instabil und Durchfall tritt auf.

Solche Veränderungen wirken wiederum auf das Darmmilieu zurück. Der pH-Wert verschiebt sich und verändert damit erneut die Lebensbedingungen der Mikroorganismen. Auf diese Weise entstehen Kreisläufe, in denen eine instabile Darmflora über längere Zeit bestehen bleibt.

Stress und Kotwasser – wenn die Regulation im Dickdarm gestört wird

Stress beeinflusst auch die Regulation von Flüssigkeit im Dickdarm. Die Darmwand entzieht dem Darminhalt Wasser und Elektrolyte und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Nahrungsbrei gleichmäßig durchmischt bleibt. Auf diese Weise entstehen die typischen, geformten Pferdeäpfel.

Gerät die Darmschleimhaut unter Stress, gerät auch diese Regulation aus dem Gleichgewicht. Stresshormone reduzieren die Durchblutung der Schleimhaut und verändern die Schutzschicht des Darms. Gleichzeitig entstehen leichter entzündliche Reaktionen in der Darmwand, wenn bakterielle Stoffwechselprodukte intensiver mit den Schleimhautzellen in Kontakt kommen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Tight Junctions – die engen Zellverbindungen zwischen den Darmepithelzellen. Sie regulieren normalerweise sehr genau, welche Stoffe und welche Mengen an Flüssigkeit zwischen den Zellen hindurchtreten dürfen. Werden diese Verbindungen gestört, verändert sich die Durchlässigkeit der Darmwand. Wasser und Elektrolyte gelangen dann ungleichmäßig in den Darminhalt oder werden unzureichend zurückresorbiert.

Entzündliche Veränderungen der Schleimhaut beeinflussen zusätzlich den Transport wichtiger Elektrolyte. Besonders Natrium- und Chloridionen steuern den Wasserhaushalt im Darm. Wird ihr Transport gestört, verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Flüssigkeitsaufnahme und Flüssigkeitsabgabe. Wasser folgt diesen Elektrolyten osmotisch – es wird verstärkt in den Darminhalt gezogen oder bleibt dort zurück.

Auch die Darmbewegung trägt zu diesem Phänomen bei. Normalerweise sorgen Haustrierung – die charakteristischen Ausbuchtungen des Dickdarms – und spezielle Bewegungsmuster wie die Anti-Peristaltik dafür, dass der Darminhalt ständig durchmischt wird. Diese Rückwärtsbewegungen transportieren Teile des Darminhalts kurzzeitig wieder nach vorne und verhindern so eine Trennung von festen und flüssigen Bestandteilen.

Kommen diese Prozesse durch Stress aus dem Gleichgewicht, verliert der Dickdarm seine Fähigkeit, den Darminhalt gleichmäßig zu organisieren. Flüssige Bestandteile können sich dann von den festen Kotballen trennen. Sichtbar wird das schließlich in dem typischen Bild von Kotwasser: geformte Pferdeäpfel werden ausgeschieden, während gleichzeitig flüssiger Darminhalt abläuft.

Stress und Parasiten im Darm

Auch die Abwehr gegen Parasiten steht in engem Zusammenhang mit der Funktion des Darms und des Immunsystems. Unter normalen Bedingungen erkennt das Immunsystem parasitäre Strukturen im Darm und reagiert mit gezielten Abwehrmechanismen. Bestimmte Immunzellen greifen Parasiten direkt an oder senden Signale aus, die weitere Abwehrzellen an den Ort des Geschehens locken. Gleichzeitig erhöht sich die Schleimproduktion im Darm, wodurch Parasiten mechanisch aus dem Verdauungstrakt transportiert werden.

Stress verändert diese Abwehrprozesse. Stresshormone wie Cortisol dämpfen bestimmte Immunfunktionen. Hält dieser Zustand länger an, sinkt die Aktivität der Immunzellen im Darm. Parasiten finden dadurch günstigere Bedingungen vor und können sich leichter etablieren oder stärker vermehren.

Das bedeutet nicht, dass Stress automatisch zu einem starken Parasitenbefall führt. Er verschiebt jedoch das Gleichgewicht zwischen Wirt und Parasiten. Besonders dann, wenn gleichzeitig Darmflora und Darmschleimhaut geschwächt sind, steigt die Belastung für das Verdauungssystem deutlich.

Der Darm als Spiegel des Stresssystems

Der Darm reagiert auf Stress so empfindlich, weil hier mehrere zentrale Systeme des Körpers zusammenlaufen. Verdauung, Darmflora, Immunabwehr und Stoffwechsel stehen in engem Austausch miteinander. Gerät das Stresssystem dauerhaft in Aktivität, verschiebt sich diese Balance.

Viele Verdauungsprobleme entstehen deshalb nicht allein durch Fütterung oder Krankheitserreger. Häufig spiegeln sie auch die Lebensbedingungen des Pferdes wider. Bewegung, soziale Stabilität, kontinuierliche Raufutteraufnahme und ein möglichst stressarmes Umfeld tragen entscheidend dazu bei, dass das empfindliche Gleichgewicht im Verdauungssystem erhalten bleibt.

Der Darm zeigt damit sehr deutlich, wie stark Stress in die Gesundheit eines Pferdes eingreifen kann. Veränderungen im Verdauungssystem stehen selten isoliert für sich, sondern sind Teil eines größeren Zusammenspiels zwischen Stresssystem, Immunsystem und Stoffwechsel.

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