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Phytotherapie beim Pferd – Pflanzen für Leber und Stoffwechsel

Nach unserem Blick auf Darm und Darmflora gehen wir einen biologischen Schritt weiter. Denn nahezu alles, was im Darm aufgenommen, umgebaut oder von Mikroorganismen produziert wird, landet früher oder später an einem Organ, das meist still im Hintergrund arbeitet – der Leber.

Die Leber des Pferdes ist weit mehr als nur ein „Entgiftungsorgan“. Sie verarbeitet Nährstoffe aus dem Darm, speichert Vitamine und Spurenelemente, baut Hormone und Stoffwechselprodukte um, produziert Gallensäuren und schützt den Organismus täglich vor einer Vielzahl körperfremder oder überschüssiger Substanzen. Gerade nach Dysbiosen, Futterumstellungen, Medikamentengaben, längeren Belastungsphasen oder bei chronischen Stoffwechselproblemen kann dieses System stärker gefordert sein, als es von außen sichtbar wird.

Auch hier zeigt sich wieder ein zentrales Prinzip der Phytotherapie: Pflanzen denken nicht in Organen – sie wirken in biologischen Systemen. Manche Pflanzen unterstützen die Leber eher sanft über Bitterstoffe, Galle und antioxidativen Schutz. Andere greifen deutlich tiefer in die eigentlichen Stoffwechselprozesse der Leberzellen ein. Genau diese Unterschiede zu verstehen, hilft später enorm bei der Auswahl wirklich passender Kräutermischungen.

1. Bitterstoffe – wenn Leberunterstützung bereits im Maul beginnt

Viele Leberpflanzen beginnen ihre Wirkung deutlich früher, als die meisten Pferdehalter vermuten. Auch Pferde besitzen spezielle Bitterrezeptoren im Maul und entlang des Verdauungstraktes. Treffen Bitterstoffe auf diese Rezeptoren, beeinflussen sie die beim Dauerfresser ohnehin kontinuierlich arbeitende Verdauung auf sehr feine Weise und setzen wichtige biologische Regulationsprozesse in Gang.

Bitterstoffe können dabei unter anderem Speichelbildung, Darmmotilität, Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse und verschiedene Signalwege zwischen Darm und Leber beeinflussen. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass viele Bitterpflanzen die Bildung von Galle direkt in der Leber unterstützen können. Da Pferde keine Gallenblase besitzen, wird diese Galle nicht gespeichert, sondern kontinuierlich direkt in den Darm abgegeben.

Über diesen Weg entsorgt die Leber nicht nur Gallensäuren, sondern auch zahlreiche fettlösliche Stoffwechselprodukte, überschüssige Hormone sowie körperfremde oder bereits umgebaute Substanzen. Eine gut funktionierende Gallenproduktion ist deshalb nicht nur für die Leber selbst von großer Bedeutung, sondern auch für einen zentralen Ausscheidungsweg des gesamten Organismus. Alles, was die Leber erfolgreich über den Darm ausscheiden kann, muss später nicht zusätzlich über die Niere abgefangen und ausgeschieden werden. Eine stabile Leber-Galle-Achse kann deshalb indirekt auch die tägliche Ausscheidungsarbeit der Nieren entlasten.

Bitterpflanzen unterstützen damit nicht nur einzelne Verdauungsprozesse, sondern einen zentralen biologischen Stoffwechselweg zwischen Darm, Leber, Ausscheidung und Energiehaushalt. Gerade bei Pferden mit chronischen Stoffwechselbelastungen, langwierigen Darmproblemen oder wiederkehrenden Entzündungsprozessen kann genau diese Darm-Leber-Achse eine entscheidende Rolle spielen.

Typische Bitterpflanzen in hochwertigen Leber- und Stoffwechselmischungen sind Schafgarbe, Löwenzahn, Wermut, Wegwarte, Rosmarin, Beifuß oder Engelwurz. Viele dieser Pflanzen haben Pferde evolutionär bereits in ihrer natürlichen Nahrung aufgenommen – lange bevor wir begonnen haben, sie gezielt als Heilpflanzen einzusetzen.

2. Antioxidativer Schutz – wenn die Leber täglich freie Radikale abfangen muss

Leberarbeit bedeutet nicht nur Verdauung und Stoffwechsel, sondern auch permanenten Schutz vor oxidativer Belastung. Bei jeder Umwandlung von Nährstoffen, Stoffwechselprodukten, Medikamenten oder Umweltstoffen entstehen freie Radikale, die kontrolliert abgefangen werden müssen.

Hier kommen Pflanzen und pflanzliche Begleiter ins Spiel, die weniger über Bitterstoffe, sondern stärker über antioxidative Schutzmechanismen arbeiten. Ein spannender Vertreter ist dabei Spirulina. Genau genommen handelt es sich nicht um eine klassische Pflanze, sondern um ein Cyanobakterium, das im Alltag meist als Mikroalge bezeichnet wird.

Spirulina liefert unter anderem Phycocyanin, Chlorophyll, Carotinoide und weitere antioxidativ wirksame Verbindungen. Ähnlich interessant sind auch Chlorella, Traubenkerne mit ihren polyphenolreichen OPC-Verbindungen oder Kurkuma mit seinen Curcuminoiden. Diese Stoffe greifen nicht direkt in die Gallensekretion oder die klassische Leberanregung ein, können aber helfen, oxidativen Stress zu reduzieren und körpereigene Schutzsysteme wie das Glutathion-System indirekt zu unterstützen.

Gerade bei Pferden mit chronischen Entzündungsprozessen, Stoffwechselbelastungen oder längeren Regenerationsphasen können solche pflanzlichen Antioxidantien ein interessanter ergänzender Ansatz sein.

Mariendistel und Artischocke – wenn Pflanzen direkt in die Leberbiochemie eingreifen

All diese Pflanzen begleiten die Leber eher sanft über Bitterstoffe, Galle und antioxidativen Schutz. Es gibt jedoch zwei Pflanzen, die deutlich tiefer in die eigentlichen Stoffwechselprozesse der Leber eingreifen – und genau deshalb in der modernen Phytotherapie eine besondere Stellung einnehmen: Mariendistel und Artischocke.

Mariendistel und Artischocke gehören zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Leberpflanzen der modernen Phytotherapie. Ihre Wirkung geht deutlich über eine reine Bitterstoffwirkung hinaus und betrifft direkt die sogenannte Biotransformation der Leber.

Mariendistel – Schutz und Regeneration der Leberzelle

Die Mariendistel enthält mit Silymarin einen der am besten untersuchten pflanzlichen Wirkstoffkomplexe der Leberphytotherapie. Silymarin kann Zellmembranen stabilisieren, oxidativen Stress reduzieren und die Regeneration von Leberzellen unterstützen. Zusätzlich gibt es Hinweise darauf, dass Mariendistel verschiedene Enzymsysteme der Leber beeinflussen und die Stoffwechselaktivität der Hepatozyten unterstützen kann.

Gerade nach Medikamentengaben, längeren Belastungsphasen oder bei chronischen Stoffwechselbelastungen kann die Mariendistel dadurch helfen, die Regenerationsfähigkeit der Leberzellen zu unterstützen und oxidative Schäden besser abzufangen.

Artischocke – mehr als nur eine Bitterpflanze

Auch die Artischocke ist weit mehr als nur eine klassische Bitterpflanze. Ihre Inhaltsstoffe wie Cynarin, Flavonoide und verschiedene Polyphenole können die Bildung von Galle in der Leber unterstützen, antioxidative Schutzmechanismen aktivieren und ebenfalls direkt in Stoffwechselprozesse der Leber eingreifen.

Gerade bei Pferden mit verlangsamtem Stoffwechsel, eingeschränkter Gallenaktivität oder nach längeren Belastungsphasen wird Artischocke deshalb häufig gezielt eingesetzt. Durch die vermehrte Bildung von Galle können fettlösliche Stoffwechselprodukte, überschüssige Hormone und andere bereits umgebaute Substanzen effizienter über den Darm ausgeschieden werden.

Die zweistufige Biotransformation der Leber

Wenn die Leber körperfremde Stoffe, Stoffwechselprodukte, überschüssige Hormone oder Abbauprodukte verarbeiten muss, geschieht das vereinfacht gesagt in zwei aufeinander abgestimmten Schritten.

In der ersten Phase werden diese Stoffe zunächst biochemisch verändert. Häufig entstehen dabei sogar reaktivere Zwischenprodukte als ursprünglich vorhanden. Diese Phase wird vor allem über Enzymsysteme der sogenannten Cytochrom-P450-Familie gesteuert.

In der zweiten Phase werden diese Zwischenprodukte an körpereigene Moleküle gekoppelt, wasserlöslich gemacht und anschließend über Galle oder Niere ausgeschieden. Erst das harmonische Zusammenspiel beider Phasen sorgt dafür, dass Stoffwechselprodukte den Organismus tatsächlich sicher verlassen können.

Wenn Phase 1 schneller arbeitet als Phase 2

Genau hier liegt jedoch auch ein wichtiger biologischer Punkt. Mariendistel und Artischocke können verschiedene Enzymsysteme der Leber beeinflussen und dadurch die Stoffwechselaktivität der ersten Biotransformationsphase unterstützen. Das ist einer der Gründe, warum viele Pferde von diesen Pflanzen so deutlich profitieren.

Gleichzeitig entstehen in dieser ersten Phase häufig Zwischenprodukte, die kurzfristig sogar reaktiver sein können als die ursprüngliche Ausgangssubstanz. Erst die zweite Phase sorgt dafür, dass diese Stoffe an körpereigene Moleküle gekoppelt, wasserlöslich gemacht und anschließend sicher ausgeschieden werden können.

Arbeiten beide Phasen harmonisch zusammen, ist das ein hoch effizienter Schutzmechanismus des Körpers. Gerät dieses Gleichgewicht jedoch aus der Balance, können solche Zwischenprodukte vorübergehend länger im Organismus verbleiben, als eigentlich vorgesehen.

Achtung bei Robustrassen und chronischen Dysbiosen

Mariendistel und Artischocke zeigen insbesondere bei vielen Warmblütern häufig sehr gute Ergebnisse. In der praktischen Arbeit zeigt sich jedoch immer wieder, dass robuste Rassen wie Friesen, Tinker, nordische Pferde, Ponys oder auch manche Iberer deutlich sensibler auf stark stoffwechselaktive Leberpflanzen reagieren können – besonders dann, wenn gleichzeitig chronische Dysbiosen, langjährige Stoffwechselbelastungen oder tiefere Verdauungsprobleme bestehen.

Die Forschung zeigt inzwischen, dass sich das Darmmikrobiom zwischen Pferderassen tatsächlich unterscheiden kann. Gleichzeitig weiß man, dass Darmmikroorganismen an der Bildung verschiedener B-Vitamine beteiligt sind. Gerade Vitamin B6 spielt wiederum in der zweiten Phase der Leberbiotransformation eine wichtige Rolle, wenn umgebaute Zwischenprodukte wasserlöslich gemacht und sicher ausgeschieden werden sollen.

Ob chronische Dysbiosen, veränderte B-Vitamin-Verfügbarkeiten und die Verträglichkeit stark stoffwechselaktiver Leberpflanzen beim Pferd direkt miteinander zusammenhängen, ist wissenschaftlich bislang nicht geklärt und Gegenstand weiterer Forschung. Die biologischen Zusammenhänge und die praktischen Beobachtungen vieler Therapeuten machen diese Überlegung jedoch durchaus plausibel.

Gerade bei robusten Rassen sollten Mariendistel und Artischocke deshalb nicht pauschal, nach allgemeinen Fütterungsempfehlungen oder auf eigene Faust eingesetzt werden. Bestehen gleichzeitig chronische Darmprobleme, Stoffwechselauffälligkeiten, Hufrehe-Tendenzen oder andere langjährige Belastungen, kann eine vorschnelle Aktivierung der Leberbiotransformation im ungünstigen Fall mehr Prozesse anstoßen, als der Organismus in diesem Moment sauber zu Ende führen kann.

In solchen Fällen ist es sinnvoll, zunächst Darmflora, Schleimhäute und Grundversorgung genauer zu betrachten und stark stoffwechselaktive Leberpflanzen gezielt gemeinsam mit einem fachkundigen Therapeuten auszuwählen, der das Pferd als Ganzes beurteilen kann.

Beratungsleistungen
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