Rübenschnitzel - das Futter für Magenpferde?
Rübenschnitzel werden in der Pferdefütterung seit vielen Jahren eingesetzt. Besonders entmelassierte Produkte sind beliebt, weil sie wenig Zucker und praktisch keine Stärke enthalten, gleichzeitig aber gut fermentierbare Pflanzenfasern liefern. Häufig werden sie auch für Pferde mit empfindlichem Magen empfohlen. Gerade diese Kombination lässt Rübenschnitzel zunächst wie ein nahezu ideales Zusatzfutter erscheinen.
Doch Rübenschnitzel sind ein sehr spezielles Futtermittel. Ihre Fasern unterscheiden sich von den überwiegend strukturgebenden Fasern eines reifen Grases oder Heus. Gleichzeitig werden sie eingeweicht und meist in ein oder zwei größeren Mahlzeiten verfüttert. Was das langfristig für die Mikroorganismen im Dickdarm bedeutet, ist bislang nur teilweise untersucht. Rübenschnitzel sind deshalb weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht – entscheidend ist, warum, in welcher Menge und über welchen Zeitraum sie gefüttert werden.
Was sind Rübenschnitzel?
Rübenschnitzel entstehen bei der Gewinnung von Zucker aus Zuckerrüben. Die Rüben werden zerkleinert und der enthaltene Zucker mit heißem Wasser weitgehend herausgelöst. Zurück bleibt das faserreiche Pflanzengewebe mit großen Teilen der ursprünglichen Zellwände. Es besteht vor allem aus Pektinen, Cellulose und Hemicellulosen sowie kleineren Mengen Eiweiß, Mineralstoffen und weiteren Pflanzenbestandteilen.
Bei melassierten Rübenschnitzeln wird dem Pflanzenmaterial Melasse, die ebenfalls bei der Zuckerherstellung anfällt, wieder zugesetzt. Dadurch steigt insbesondere der Zuckergehalt und gleichzeitig verbessert sich die Schmackhaftigkeit. Bei stark entmelassierten Produkten bleibt der Zuckergehalt dagegen sehr niedrig. Zuckerarm bedeutet allerdings nicht automatisch energiearm: Ein erheblicher Teil der Energie aus Rübenschnitzeln wird erst durch die mikrobielle Fermentation ihrer Pflanzenfasern für das Pferd nutzbar.
Pektin – eine besondere Pflanzenfaser
Pektine gehören zu den pflanzlichen Zellwandbestandteilen und sind ein ganz natürlicher Bestandteil der Pferdefütterung. Sie kommen in Gras und Heu ebenso vor wie beispielsweise in Äpfeln oder Karotten. Besonders die Zellwände der Zuckerrübe sind jedoch ausgesprochen pektinreich. Rübenschnitzel enthalten je nach Untersuchungsmethode etwa 20 bis 30 % pektinartige Bestandteile und damit ein Mehrfaches dessen, was typischerweise in Gräsern vorkommt.
Bei Gras verändert sich die Zusammensetzung der Zellwände außerdem mit dem Entwicklungsstadium. Junges, blattreiches Pflanzenmaterial enthält einen größeren Anteil leicht fermentierbarer Bestandteile. Mit zunehmender Reife gewinnen Cellulose, Hemicellulosen und schließlich schwer abbaubare, verholzte Strukturen an Bedeutung. Pektin aus Gras oder Heu ist damit Teil eines Gemisches ganz unterschiedlich fermentierbarer Pflanzenfasern.
Was passiert mit Pektin im Pferdedarm?
Pektin kann von den körpereigenen Verdauungsenzymen des Pferdes nicht aufgeschlossen werden. Seine Verwertung erfolgt deshalb überwiegend durch Mikroorganismen im Dickdarm. Diese fermentieren das Pektin und bilden dabei vor allem kurzkettige Fettsäuren, die häufig mit der englischen Abkürzung SCFA bezeichnet werden. Zu den wichtigsten gehören Acetat, Propionat und Butyrat. Daneben können Zwischenprodukte wie Lactat und Succinat, Gase und neue mikrobielle Biomasse entstehen. Viele dieser Stoffe werden wiederum von anderen Mikroorganismen weiterverarbeitet.
Die entstehenden SCFA werden zu einem großen Teil über die Darmwand aufgenommen und sind ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Energieversorgung des Pferdes. Auch bei der Fermentation von Cellulose entstehen SCFA. Der entscheidende Unterschied liegt daher weniger in den Endprodukten als in der Geschwindigkeit: Pektin ist für Mikroorganismen vergleichsweise leicht zugänglich und wird schneller fermentiert. Cellulose ist dagegen in komplexere Pflanzenstrukturen eingebunden und wird insbesondere bei zunehmender Verholzung langsamer und teilweise nur noch unvollständig abgebaut. Rohfaser ist deshalb nicht gleich Rohfaser.
Der Unterschied könnte in der Mahlzeit liegen
Unter natürlichen Bedingungen nimmt ein Pferd über viele Stunden kleine Mengen Gras oder Heu auf. Dadurch gelangen auch Pektin, Cellulose und andere Pflanzenfasern relativ kontinuierlich durch den Verdauungstrakt in Richtung Dickdarm.
Rübenschnitzel werden dagegen eingeweicht und normalerweise als separate Mahlzeit angeboten. Eine größere Tagesmenge wird dadurch innerhalb relativ kurzer Zeit oder auf ein bis zwei Mahlzeiten verteilt aufgenommen. Gegenüber der kontinuierlichen Raufutteraufnahme entsteht damit ein zeitlich stärker konzentrierter Zustrom gut fermentierbarer Fasern. Für pektinabbauende Mikroorganismen kann eine solche Mahlzeit gewissermaßen ein regelmäßiges „Festessen“ darstellen. Die Fermentationsaktivität nimmt zu und innerhalb eines kürzeren Zeitraums können entsprechend größere Mengen SCFA und anderer Fermentationsprodukte entstehen.
Dass die Darmflora auf Rübenschnitzel reagiert, wurde bereits untersucht. In einer Studie erhielten sechs Pferde sieben Tage lang zweimal täglich eingeweichte, unmelassierte Rübenschnitzel als teilweisen Ersatz für Heu. Bereits innerhalb dieser kurzen Zeit ließen sich Veränderungen bestimmter Bakteriengruppen und vorhergesagter mikrobieller Stoffwechselwege nachweisen (1). Die grundlegende Vielfalt des Mikrobioms veränderte sich dabei nicht signifikant. Die Studie zeigt damit nicht, dass Rübenschnitzel die Darmflora schädigen – wohl aber, dass das mikrobielle Ökosystem bereits innerhalb weniger Tage messbar auf diese Faserquelle reagiert.
Was passiert, wenn solche konzentrierten Mengen leicht fermentierbarer Fasern täglich über Monate oder Jahre gefüttert werden, ist bislang nicht ausreichend untersucht. Eine langfristige hohe Gabe könnte andere Auswirkungen auf das Darmmikrobiom haben als eine kleine oder vorübergehend eingesetzte Menge. Ob daraus gesundheitliche Nachteile entstehen und ab welcher Menge diese relevant werden könnten, lässt sich derzeit nicht zuverlässig beantworten.
Zuckerarm bedeutet nicht energiearm
Gerade entmelassierte Rübenschnitzel können mit sehr niedrigen Zucker- und Stärkegehalten zunächst wie ein ausgesprochen energiearmes Futtermittel wirken. Dabei wird leicht übersehen, dass das Pferd einen erheblichen Teil der Energie erst mithilfe seiner Darmflora erschließt.
Die bei der Fermentation entstehenden SCFA werden aufgenommen und energetisch genutzt. Das macht gut fermentierbare Fasern beispielsweise für Pferde mit erhöhtem Energiebedarf interessant. Ist der Energiebedarf eines Pferdes dagegen bereits vollständig gedeckt oder überschritten, muss auch diese zusätzliche Energie berücksichtigt werden. Ein dauerhafter Energieüberschuss bleibt ein Energieüberschuss – unabhängig davon, ob die Energie ursprünglich aus Stärke, Fett oder fermentierbaren Pflanzenfasern stammt.
Schützen Rübenschnitzel wirklich den Magen?
Besonders häufig werden Rübenschnitzel für Pferde mit empfindlichem Magen empfohlen. Als Begründung wird meist ihr hoher Pektingehalt genannt. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist allerdings weniger eindeutig, als diese Empfehlung vermuten lässt.
In einer Untersuchung mit 24 Pferden führte die zehntägige Gabe eines Pektin-Lecithin-Komplexes zu einer deutlichen Verbesserung vorhandener Magenläsionen (2). Eine spätere kontrollierte Studie mit zehn Stuten konnte dagegen unter einem experimentellen Ulkusmodell keinen vorbeugenden Effekt eines Pektin-Lecithin-Komplexes nachweisen (3). Die Ergebnisse sind damit bereits für diese speziell zusammengesetzten Präparate nicht einheitlich.
Noch wichtiger ist jedoch, dass in diesen Untersuchungen Pektin-Lecithin-Komplexe und keine Rübenschnitzel verfüttert wurden. Aus der Wirkung eines solchen Präparates lässt sich nicht automatisch ableiten, dass ein pektinreiches Futtermittel denselben Effekt besitzt. Ein zuverlässiger Schutz der Magenschleimhaut durch Rübenschnitzel selbst ist entsprechend nicht belegt.
Auch die häufig erwähnten „Schleimstoffe“ sollten differenziert betrachtet werden. Rübenschnitzel quellen stark, binden viel Wasser und enthalten lösliche Faserbestandteile. Das ist jedoch nicht mit der Schleimbildung von Leinsamen gleichzusetzen. Leinsamen besitzen in ihrer Samenschale natürliche Schleimstoffe, die beim Kontakt mit Wasser freigesetzt werden. Die beiden Futtermittel sollten hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Magen deshalb nicht gleichgesetzt werden.
Das bedeutet nicht, dass Rübenschnitzel innerhalb einer passend zusammengestellten Ration keinen Nutzen haben können. Aus ihrem Pektingehalt lässt sich jedoch keine pauschale Empfehlung zur dauerhaften Fütterung von Magenpferden ableiten. Gerade bei wiederkehrenden oder dauerhaften Magenproblemen sollte vielmehr nach den Ursachen gesucht und geprüft werden, welche Fütterungs-, Haltungs- oder Behandlungsmöglichkeiten langfristig sinnvoll sind.
Das Futtermittel muss zum Pferd passen
Wenig Zucker, kaum Stärke und viel Rohfaser klingen zunächst ausgesprochen positiv. Für die Beurteilung eines Futtermittels reicht das jedoch nicht aus. Entscheidend ist ebenso, aus welchen Fasern die Rohfaser besteht, wie schnell diese fermentiert werden, welche Energiemenge daraus entsteht und in welcher Menge und Form das Futtermittel angeboten wird.
Gerade bei dauerhaften Magenproblemen sollte zudem nicht nur versucht werden, Beschwerden über ein bestimmtes Futtermittel abzufangen. Lange Fresspausen, Raufuttermanagement, Stress, Haltung, Bewegung, die übrige Fütterung und Erkrankungen können eine Rolle spielen. Je nach Ursache können andere Futtermittel, Änderungen im Management oder eine gezielte tierärztliche Behandlung langfristig sinnvoller sein.
Fazit
Rübenschnitzel sind eine sehr gut fermentierbare und energiereiche Faserquelle. Auch entmelassierte Produkte mit wenig Zucker und Stärke können mit einer umsetzbaren Energie von annähernd 10 MJ/kg eine relevante Energiemenge liefern und müssen entsprechend in der Gesamtration berücksichtigt werden. Gleichzeitig ist die häufig angenommene Magenschutzwirkung weniger eindeutig, als viele Empfehlungen vermuten lassen. Die positiven Untersuchungen betreffen spezielle Pektin-Lecithin-Komplexe und lassen sich nicht einfach auf Rübenschnitzel übertragen.
Hinzu kommt eine bislang offene Frage: Rübenschnitzel werden meist in ein oder zwei größeren Mahlzeiten gefüttert und liefern der Darmflora damit konzentriert große Mengen leicht fermentierbarer Fasern. Dass das Mikrobiom darauf bereits innerhalb weniger Tage reagiert (1), wurde gezeigt; welche Folgen eine solche Fütterung über Monate oder Jahre hat, wissen wir dagegen nicht. Aus niedrigem Zucker- und Stärkegehalt, hohem Pektingehalt und einer möglichen Unterstützung bei Magenproblemen lässt sich deshalb keine generelle Empfehlung zur dauerhaften Fütterung ableiten. Für ein Pferd, das gutes Heu und eine geeignete Weide problemlos aufnehmen und verwerten kann, sind Rübenschnitzel kein notwendiger Ersatz dafür. Ihr Einsatz sollte einen konkreten Grund haben – und gerade für Pferde mit Magenproblemen gibt es je nach Ursache andere Fütterungs- und Behandlungsmöglichkeiten, die langfristig die sinnvollere Lösung sein können.
Quellen
(1) Ford T., McAdams Z. L., Townsend K. S. et al. (2023): Effect of Sugar Beet Pulp on the Composition and Predicted Function of Equine Fecal Microbiota. Biology 12(9):1254.
(2) Venner M., Lauffs S., Deegen E. (1999): Treatment of gastric lesions in horses with pectin-lecithin complex. Pferdeheilkunde.
(3) Sanz M. G., Viljoen A., Saulez M. N. et al. (2014): Efficacy of a pectin-lecithin complex for treatment and prevention of gastric ulcers in horses. Veterinary Record 175:147.
